Wirtschaftsmorgen

Gänsehaut für die Ohren

Oliver Roggisch nimmt Anlauf und beginnt zu sprinten. Man hat sich noch gar nicht richtig orientiert, da donnert der Sportliche Leiter der Rhein-Neckar Löwen einem den Ball mit einer derartigen Wucht um die Ohren, dass man heftigst zusammenzuckt und den Kopf einzieht. Dazu ist überdeutlich zu hören, wie der Ball vorbei zischt.

Der Effekt ist verblüffend. Denn der Betrachter befindet sich nicht wirklich in der Mannheimer SAP Arena, sondern ist in einer virtuellen Realität (VR) der erfolgreichen Handballer – ausgerüstet mit VR-Brille und Kopfhörer. Gleichwohl kommt es einem vor, als sei man eben nicht nur dabei, sondern mittendrin. Und genau das ist das Ziel, das Sebastian Gsuck erreichen will. Mit dem Unternehmen Media- Apes in Neustadt an der Weinstraße hat er sich auf das Akustik-Format 3D Audio spezialisiert.

„Gänsehaut für Ohren“ nennt es der gelernte Toningenieur. Denn im Grunde schaffe man nichts anderes als ein Audio-Hologramm. Noch besser als in jeder Stereo- oder Surround-Technik befindet sich der Zuhörer mitten im virtuellen Raum, kann genau verorten, was sich vor, hinter und neben ihm alles tut. Und damit ist der Zuhörer automatisch emotional auch viel näher dran am Geschehen.

3D Audio wird auch in der neuen „VR Löwen App“ der Rhein-Neckar Löwen zu hören sein, die ab der nächsten Saison 2019/2020 erhältlich ist. Die Präsentation bei den Handballern war der Härtetest. Ist der Raumklang auch ohne Bilder wirksam? Gsuck ließ das Bild in den VR-Brillen abschalten – den Ton aber nicht. Und so sahen die Teilnehmer der Präsentation zwar die leere SAP Arena, hörten aber auf den Kopfhörern das tobende Publikum. Und das Kopfkino warf bei den Gästen den Projektor an. „Applaus bei einer Pressekonferenz hat man eher selten“, sagt Gsuck. „Der Fan will Emotionen, will nahe bei seinen Stars, bei den Künstlern sein.“ 3D Audio schaffe genau diese emotionale Nähe, weil man gefühlt direkt neben den Stars steht.

Der MediaApes-Chef lernte das Format während seines Studiums kennen und beschäftigte sich intensiv mit der Wellenfeldsynthese, sozusagen der Mutter aller dreidimensionalen Audio-Systeme. Vor fünf Jahren beschloss er dann, sich auf diese Technik zu spezialisieren. Klar bedeutet 3D Audio einen Mehraufwand.

Statt ein oder zwei Mikrofone aufzustellen, sind es nun 20 Stück. Schließlich muss auch die Atmosphäre eines Raums intensiv aufgezeichnet werden. Außerdem sind eine Menge mehr Daten für die Wiedergabe zu verarbeiten. Aber Gsuck ist fest davon überzeugt, dass die Reise in der Audiowelt genau in diese Richtung geht – eben weil 3D Audio einen emotionalen Mehrwert verspricht.

Das funktioniert übrigens in vielen Bereichen. Gerade haben Gsuck und sein Team das Album der hawaiianischen Künstlerin Havane aufgenommen. Jetzt ist es in „normaler“ Stereophonie erschienen. Im Herbst erscheint das Album noch einmal in 3D Audio. Der Sound unterscheidet sich tatsächlich erheblich. Der Zuhörer fühlt sich, als stünde er tatsächlich neben der zarten Sängerin direkt auf dem heiligen Berg Mauna Kea. „Nicht nur hören, sondern fühlen“, beschreibt ihr Manager Matthias Scheffler das, was 3D Audio möglich machen soll. „Diese Technik schafft es, die Menschen in einer tieferen Weise miteinander zu verbinden“, ist auch die Künstlerin begeistert. Transportiert sie doch ihre Überzeugung, ihr Eintreten für die Natur, Umwelt und hawaiianische Spiritualität viel nachhaltiger.

Gsuck ist überzeugt, dass die Technik in zwei bis drei Jahren durch die Decke gehen wird. Und dies nicht nur im musikalischen Bereich. Auch in der Industrie, im Gewerbe und im Marketing werde das eine immer größere Rolle spielen, sagt er. Solche audiovisuellen Programme lassen sich beispielsweise auch für Sanitärhersteller anwenden. So lasse sich beispielsweise nicht nur darstellen, wie das neue Traumbad des Kunden aussehe, sondern auch wie es klinge.

Autoingenieure können sich schon seit einiger Zeit mit der VR-Brille ansehen, wie ihr neu designtes Fahrzeug aussieht. „Aber sie hören es nicht – noch nicht“, sagt Gsuck. Denn erst dann werde auch ein Gegenstand, eine Umgebung emotional erlebbar. Ganz zu schweigen von der weiten Welt der Computerspiele, die ebenfalls eine perfekte virtuelle Welt transportieren wollen.

3D Audio funktioniert am besten mit dem Kopfhörer. Mit Lautsprechersystemen lasse sich zwar auch ein dreidimensionaler Raumklang erschaffen. Aber dazu benötige man ein ganzes System an Boxen, erläutert Gsuck.