Wirtschaftsmorgen

Gut in Form

Archivartikel

Beim Bau von Fahrzeuggetrieben setzen viele Automobilhersteller auf Know-how aus Lampertheim-Hofheim: Das 1945 gegründete Familienunternehmen Heess ist nach eigenen Angaben weltweit führend in der Herstellung von Fixtur-Härteanlagen.

Fixtur bedeutet in etwa, dass ein Bauteil während des Abkühlungsvorgangs von innen, außen oder oben fixiert wird, um in Form zu bleiben. Thomas Streng (oberes Bild), der mit Karl Heeß (unteres Bild) das Unternehmen leitet, erläutert es an einem Beispiel: Beim Bau von Fahrzeuggetrieben werden einzelne Teile auf etwa 800 Grad erhitzt und in Öl abgeschreckt. Dabei könnten sich einzelne Teile verziehen. "Wir halten sie in Form", macht Streng deutlich.

Die Toleranz betrage nur wenige Hundertstel Millimeter. Die auf den Anlagen von Heess gehärteten Teile erreichen teilweise Dimensionen bis zu zweieinhalb Meter Durchmesser oder ein Gewicht von bis zu drei Tonnen.

Der größte Teil findet im Bereich Automotive und Getriebebau Anwendung. Weitere Bereiche sind Zahnkränze oder Rotorblattträger bei Hubschraubern oder Ladeklappen bei Airbus-Flugzeugen. Im Schiffbau kommen Heess-Maschinen bei der Härtung von Wellen und Zahnrädern zum Einsatz, und Rasenmäher- oder Mulchmesser, Pflugscharen oder Eggenscheiben können nicht nur gehärtet, sondern in einem Prozess auch umgeformt werden.

Heess fertigt ausschließlich in Hofheim. Hier produzieren die Mitarbeiter die Anlagen und bauen sie bis zur Endabnahme durch den Kunden auf. Anschließend werden sie in ihre Einzelteile zerlegt und an den Auftraggeber geliefert. Die Chance, in einer Automobilfabrik eine Heess-Maschine vorzufinden, ist relativ hoch. Fast alle großen Hersteller setzen auf die Anlagen aus Südhessen. Erst kürzlich hat Volkswagen für sein Werk in Baunatal eine Anlage aus Lampertheim erhalten. Dauer für Zerlegung und Transport: rund 14 Tage.

Im internationalen Markt ist Heess unter anderem mit Vertretungen in Detroit, Rio de Janeiro, Moskau, Istanbul, Tokio oder Peking präsent. Wie Karl Heeß erläutert, sei es dagegen problematisch, auf dem indischen Markt Fuß zu fassen: "Die Mentalität ist nicht so einfach, man muss schon Insider kennenlernen." Wenn man dann nicht so bekannt sei, fehle das Vertrauen.

Sorgen bereitet den Geschäftsführern das aktuelle Embargo gegen Russland: "Der russische Markt, der zehn Prozent unseres Umsatzes ausmacht, ist total zusammengebrochen", erklärt Heeß, "das tut schon weh." Denn man wolle sich eigentlich nicht so sehr von China abhängig machen, wo das Unternehmen die Hälfte des Umsatzes erzielt. Dort müsse man hohe Qualität bieten, denn mit den dortigen Billiganbietern könne man nicht konkurrieren. Es sei schon vorgekommen, dass dort Ersatzteile für eine Anlage bestellt wurden, die Heess gar nicht gebaut habe.

Schwierigkeiten bereite auch "das ständige Auf und Ab", das mit der unterschiedlichen Größe der Projekte einhergehe, so der Geschäftsführer. Oft müsse man die Projekte vorfinanzieren. Ärgerlich seien lange Vorfinanzierungsphasen, die teilweise 120 Tage betrügen. Und die unterschiedlichen Richtlinien in Amerika und Europa. "Hier würde uns eine Normierung eine erhebliche Erleichterung bringen", wirbt Heeß für das geplante Freihandelsabkommen TTIP zwischen der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten.

Der Fachkräftemangel schlägt bei Heess noch nicht durch, wenngleich Streng zugibt: "Der Wettbewerb um gute Azubis ist stärker geworden." Es gebe ein gewisses Leistungsgefälle, außerdem sei es schwieriger, an Abiturienten zu kommen, da diese zuvor von großen Unternehmen abgeworben würden. "Wir sind nicht so bekannt, weil unsere Produkte nicht vor Ort verkauft werden", sagt Streng.

Bei Forschung und Entwicklung arbeitet Heess etwa mit der Technischen Universität Darmstadt und dem Fraunhofer-Institut Chemnitz zusammen.