Wirtschaftsmorgen

Hand in Hand mit der Maschine

Archivartikel

Künstliche Intelligenz ist ebenso faszinierend wie komplex. Wie wird sie die Arbeit der Zukunft beeinflussen? Wo liegen die ethischen Herausforderungen? Gibt es wirklich eines Tages Roboter, die die gleichen Fähigkeiten besitzen wie Menschen?

Künstliche Intelligenz (KI) versetzt Maschinen in die Lage, aus Erfahrung zu lernen, sich auf neu eingehende Information einzustellen und Aufgaben zu bewältigen, die menschliches Denkvermögen erfordern. Computer führen also nicht nur programmierte Befehle aus. Sie lernen, indem sie gewaltige Datenmengen auswerten.

Die Anwendungen sind vielfältig. Navigation, Telefon und Klimaanlage lassen sich in modernen Autos über Sprache und teils sogar über Gesten steuern. In der Medizin soll Künstliche Intelligenz bei der Früherkennung von Krankheiten wie Krebs unterstützen (siehe Grafik).

Unter Technologieoptimisten gelte KI als Technologie, „die – vergleichbar der Computertechnologie und dem Internet – in zahlreichen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bereichen einsetzbar ist und ein hohes Innovationspotenzial birgt“, erklärt Irene Bertschek, die am Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) den Forschungsbereich Digitale Ökonomie leitet. „Damit verbunden sind allerdings auch Befürchtungen, dass die KI Tätigkeiten ersetzen kann, die bislang von Menschen ausgeführt werden und damit Arbeitsplätze gefährdet.“

Jan-Henning Fabian, Leiter des ABB-Forschungszentrums in Ladenburg, will nicht so weit gehen. „Die meisten Systeme in der Industrie sind Assistenzsysteme, die Werker oder Anlagenfahrer in der Fabrik gezielt unterstützen“, sagt er im Interview. „Zudem muss der Mensch am Ende immer die Entscheidungsgewalt haben.“

Anwendungen mit Künstlicher Intelligenz gelten als stark wachsender Markt. Vor allem China und die USA preschen vor. Sie stecken viele Milliarden Dollar in Forschung und Entwicklung. Fabian hält Deutschland vor allem in der Industrie 4.0 für führend, also in der intelligenten Vernetzung von Maschinen. „Hier lässt sich Künstliche Intelligenz gezielt einsetzen“, sagt er.

Das ZEW hat 2018 im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums eine Studie erarbeitet. Sie zeigt, dass damals rund fünf Prozent der Unternehmen in der deutschen Wirtschaft Künstliche Intelligenz einsetzten und 31 Prozent deren Nutzung bis zum Jahr 2028 planen. Das Bundeswirtschaftsministerium hat inzwischen ein neues Projekt „Entwicklung und Messung der Digitalisierung der Wirtschaft am Standort in Deutschland“ aufgelegt. Dafür untersucht das ZEW, in welchem Umfang, in welchen Bereichen und mit welchen möglichen Auswirkungen Verfahren der KI in der deutschen Wirtschaft angewendet werden. Zudem wird untersucht, inwieweit durch KI-Geschäftsmodelle auch Unternehmen gegründet werden. Erste Ergebnisse aus diesem Projekt soll es Anfang 2020 geben.

Schon heute setzen Unternehmen in der Region auf Künstliche Intelligenz. Der Ludwigshafener BASF-Konzern beispielsweise investiert in ein Start-up, das eine KI entwickelt hat, die Luftbilder von Satelliten, Flugzeugen und Drohnen auswertet. Sie soll vorhersagen, wie sich die Ernte entwickelt. Das wiederum soll dem Landwirt helfen, gezielt mehr oder weniger zu düngen.

Der Mannheimer Personaldienstleister Hays wertet Bewerbungen mit Hilfe Künstlicher Intelligenz aus. Ein Programm erkennt die Fähigkeiten, die im Lebenslauf angegeben sind, und gleicht ab, welche Stellenangebote am ehesten zu dem Bewerber passen.

Die Bundesregierung will bis 2025 etwa drei Milliarden Euro für Forschung und Entwicklung zur Verfügung stellen. Das Geld soll in KI-Projekte und -Professuren fließen.

Unternehmen in der Region profitieren schon heute von Informatikern, die an der Technischen Universität Darmstadt oder am Karlsruher Institut für Technologie ausgebildet worden sind. ZEW-Expertin Bertschek kommt zu dem Schluss: „Es wird nicht zuletzt davon abhängen, ob Deutschland eine kritische Masse an Experten gewinnen und auch halten kann, um zu einem führenden Standort für Künstliche Intelligenz zu werden.“