Wirtschaftsmorgen

Inspiriert von Carl Benz

Archivartikel

Eine Erfindung kommt selten allein. Als Carl Benz am 29. Januar 1886 seinen in Mannheim entwickelten Motorwagen zum Patent anmeldete, legte dies in gewisser Weise gleich den Grundstein für eine weitere Mannheimer Erfolgsgeschichte. Drei Jahre nach dem Benz-Patent gründeten die Chemiker Albert Müller und Hermann Dubois im Stadtteil Waldhof die Müller & Dubois Handelsgesellschaft. Ein Jahr danach zog die Firma in den Rheinauer Hafen, wo sie noch heute als Rhein Chemie besteht. Kurz darauf kam Victor Kaufmann dazu - und mit ihm die Verbindung zum Automobil.

"Heute würde man Victor Kaufmann sicher als Visionär bezeichnen", sagt Anno Borkowsky, Geschäftsführer der Rhein Chemie. Kaufmann habe das Potenzial der Benz-Erfindung erkannt und nach seinem Einstieg bei Müller & Dubois sofort damit begonnen, das ursprüngliche Geschäftsmodell - Herstellung und Vertrieb von Lösungs- und Reinigungsmitteln - um eine entscheidende Komponente zu erweitern.

Faktis, ein Streckmittel für den in immer größeren Mengen nachgefragten Naturkautschuk, entwickelte sich zum ersten Renner im noch schmalen Portfolio der Firma, die nach dem Einstieg Kaufmanns bald in Dubois & Kaufmann umbenannt wurde. Naturkautschuk wiederum war der Rohstoff, auf dem die Herstellung von Autoreifen beruhte.

So verknüpften sich der Siegeszug von Automobil- und Reifenproduzenten sowie einer zunächst kleinen Zulieferer-Firma im Mannheimer Süden. Kaufmann, der bei der Faktis-Produktion auf den nachwachsenden Rohstoff Rapsöl gesetzt hatte, sorgte auch für den zweiten Meilenstein der Firmen-Geschichte. Als Naturkautschuk immer knapper wurde, begann Kaufmann damit, Altreifen zur Herstellung von Gummiwaren zu verwenden.

Bis heute ist es dieser Pioniergeist, der Rhein Chemie in dem umkämpften Markt einen Wettbewerbsvorteil verschafft. "Die Rhein Chemie war immer Innovationstreiber und besetzt mit ihren Produkten weltweit führende Marktpositionen", sagt Matthias Zachert. Als Vorstandsvorsitzender von Lanxess ist Zachert auch für Rhein Chemie an oberster Stelle verantwortlich.

1941 hatte sich das Unternehmen von Dubois & Kaufmann in Rhein Chemie umbenannt, ab 1971 gehörte man zu Bayer und später dann zur Bayer-Abspaltung Lanxess.

Dass trotz der wechselnden Namens- und Besitzverhältnisse der Standort in Rheinau nichts an Bedeutung eingebüßt hat, hängt mit einer Entwicklung aus dem Jahr 1953 zusammen. Damals wurde am Sitz der Rhein Chemie ein sogenanntes "anwendungstechnisches Laboratorium" installiert: die Grundlage zur Entwicklung und Herstellung kundenspezifischer Produkte. "Das war ein Novum in der Branche. Durch diese Expertise ist Rhein Chemie bekanntgeworden", so Geschäftsführer Borkowsky. Stellvertretend für die Bedeutung des Forschungsstandorts Mannheim steht der Name Rhenogran. Dabei handelt es sich um Kautschuk-Additive, die sich wesentlich leichter als Konkurrenz-Produkte in Kautschukmischungen einarbeiten lassen. Laut Rhein Chemie steuern die unterschiedlichen Rhenogran-Produkte mittlerweile am meisten zum Umsatz des Unternehmens bei. In der Kunststoff-Branche wiederum haben sich die Kurpfälzer durch die Produkt-Reihe Stabaxol einen Namen gemacht.

Bis zum 125. Geburtstag im vergangenen Jahr arbeiteten 1100 Menschen weltweit für die Rhein Chemie, rund 450 davon am Sitz in Mannheim. Zum 1. Januar dieses Jahres änderte sich die Unternehmensstruktur: "Unter dem neuen Namen Rhein Chemie Additives arbeiten 1600 Menschen in 29 Ländern auf der ganzen Welt für das Unternehmen", erklärt eine Sprecherin. Offizieller Sitz ist nun in Köln beim Mutterkonzern Lanxess.

Der hatte 2014 kein leichtes Jahr, strich weltweit über 1000 Stellen - 60 davon fielen in Mannheim weg. Andere Standorte mussten weitaus mehr verkraften: In der Kölner Zentrale wurden 130 Arbeitsplätze gestrichen, im Werk Leverkusen sogar 190.