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Eine Woche lang ran an den Computer zum Programmieren und Experimentieren – auch wenn Mathematik nicht gerade zu den Lieblingsfächern in der Schule gehört(e): Das ist die Idee der europaweiten „Code Week“ für junge Menschen. Seit 2014 beteiligt sich auch Deutschland daran. Bei der diesjährigen Herbst-Aktion hat der Walldorfer Softwarekonzern SAP ein Pilotprojekt gestartet und in Heidelberger Werkstätten der Lebenshilfe einen Workshop für Menschen mit Handicaps angeboten. „Lernschwierigkeiten und das Erlernen einer Programmiersprache müssen keine Gegensätze sein“, bilanziert die Selbsthilfevereinigung nach der Veranstaltung.

Wenn von Computersprachen die Rede ist, dann schwirren einem meist komplizierte Handlungsanweisungen wie Algorithmen durch den Kopf – für viele ein abschreckendes Szenario. Die Programmiersprache Snap soll Programmieren hingegen auch spielerisch ermöglichen: Das System kommt ohne Kombinationen aus Zahlen, Buchstaben oder Symbolen aus, Tippfehler bei der Eingabe fallen deshalb zum Beispiel weg.

Stattdessen wird mit grafischen, farblich unterscheidbaren Blöcken gearbeitet, die sich im „Drag-and-Drop“-Verfahren ziehen und neu ablegen lassen. „Das ist ein bisschen wie Lego“, erläutert Jens Mönig. Er gilt neben dem US-Amerikaner Brian Harvey, ehemaliger Informatik-Dozent an der kalifornischen Berkeley-Universität, als Hauptentwickler der optischen Programmiersprache mit dem Kurznamen Snap, der sich vom grafischen „Einschnappen“ der Codeklötzchen ableitet.

Projektmanager Christian Stumpf, der bei dem Walldorfer Unternehmen die Benefizauftritte des SAP-Sinfonieorchesters mit Profi-Instrumentalisten, musikalisch talentierten Mitarbeitern sowie Angehörigen koordiniert und in engem Kontakt zur Lebenshilfe steht, hatte die Idee, den etwas anderen Snap-Workshop in die „EU Code Week“ zu integrieren. Nicht nur ihn beeindruckte, wie „hochkreativ“ die Teilnehmer, darunter auch Autisten, Möglichkeiten des Systems nutzten.

Die Teilnehmer lernten unter anderem zu programmieren, wie der Anfangsbuchstabe ihres Namens mit Farbe ausgefüllt wird. Workshop-Trainerin Jadga Hügle erzählt, dass ein Fußballfan seine Initialen in den Symbolfarben seines Lieblingsvereins gestaltete. Außerdem entwickelten Werkstattbesucher einfache Animationen – wobei farbige Programmierungsbausteine (beispielsweise Blau für Bewegung) sozusagen auf die Sprünge halfen.

„Es gab überhaupt keine Technikfeindlichkeit“, kommentiert Mönig und ergänzt: Sehr gut habe ihm gefallen, „wie eigenständig von allen experimentiert wurde“ – ohne sich dabei strikt an Vorgaben zu halten oder sich einfach etwas beim Nachbarn abzuschauen. Das sei in Laien-Workshops „keineswegs selbstverständlich“.

Eigentlich ist Mönig Jurist. Über ein von SAP finanziertes internationales Forschungsprojekt fand der einstige Rechtsanwalt zu dem Softwareunternehmen, wo er seine Begeisterung für leicht verständliche Programmiersysteme zum Beruf machte. Der Entwickler interaktiver Programmier-Umgebungen sieht intuitiv nachvollziehbare Computersprachen als „wunderbare Möglichkeit“, bereits Kinder und Jugendliche, aber auch Erwachsene an die digitale Welt heranzuführen.

Mönig schwärmt aber nicht nur vom „idealen Einsteigerkonzept“ , er verweist auch darauf, dass beispielsweise in Taiwan Firmen solche Systeme zum Steuern industrieller Anlagen nutzen. Mit Gesetzestexten hat der einstige Anwalt nichts mehr zu tun. Aber er lässt schon mal in Vorträgen Paragrafen als schnörkelige Symbolzeichen hüpfen – mittels Snap versteht sich.

Und wie geht es mit dem Pilotprojekt in Kooperation mit der Lebenshilfe weiter? Das habe eine Zukunft, zeigt sich Projektmanager Christian Stumpf zuversichtlich – zumal anfängliche Bedenken ausgeräumt sind. „Wir haben uns schon gefragt, ob Programmieren mit unseren Werkstattteilnehmern funktionieren wird“, räumt Thomas Diehl vom Vorstand des Heidelberger Selbsthilfevereins ein. „Aber es hat großartig funktioniert“, lautet sein Fazit. Deshalb freue sich die Lebenshilfe „auf hoffentlich weitere Projekte“ , bei denen Menschen mit Behinderung, „die Möglichkeit bekommen, Neues zu entdecken“.