Wirtschaftsmorgen

Kommt nicht in die Tüte

Archivartikel

Mittwochmorgen, kurz vor zehn Uhr. Vor einem kleinen Geschäft in der Ladenburger Straße im Heidelberger Stadtteil Neuenheim stehen drei Frauen vor verschlossener Tür und warten, bis schließlich lächelnd eine junge Frau um die Ecke kommt und ihnen öffnet. Im Laden packen die Kundinnen erst einmal aus: leere Flaschen, Dosen und Gläser holen sie aus großen Stoff-Tragetaschen oder Körben. Hier, bei Annas Unverpacktes, muss man die Verpackung für die Lebensmittel, die man kaufen möchte, selbst mitbringen.

Es geht darum, Müll zu vermeiden, erklärt Anna Wahala. Im Juni dieses Jahres hat die 32-Jährige den Laden eröffnet - und folgt damit einem Trend. In Städten wie Berlin, London oder Wien gibt es Geschäfte für Unverpacktes schon länger. "In den USA schon seit zehn Jahren", sagt sie. Und auch hier in Heidelberg, meint Wahala, hat sie mit ihrem Geschäft einen Nerv getroffen. Sie selbst sei am Anfang überrascht gewesen, wie viele Kunden kamen - bevor sie überhaupt Werbung für ihren Laden machen konnte.

In sozialen Netzen verbreitete sich die Nachricht von der Eröffnung des Unverpackt-Ladens ganz ohne ihr Zutun. Viele kannten das Konzept bereits. Manche ihrer neuen Kunden sagten ihr, sie hätten regelrecht darauf gewartet. Auch an diesem Morgen betritt ein Kunde nach dem anderen den hellen Laden mit den weißen Regalen. "Die meisten wissen schon, wie das hier funktioniert, und bringen gleich ihre Behälter mit", sagt Wahala. Die anderen können entweder Dosen und Schüsseln bei ihr kaufen - oder zur Not auch zur Papiertüte greifen.

Zunächst wiegen die Kunden die leeren Behälter und kleben den Zettel, auf dem das Gewicht vermerkt ist, darauf. Dann kann der Einkauf beginnen. Aus sogenannten Bulk Bins, die unten eine Art Zapfanlage haben, können die Kunden so viel Reis, Nudeln, Mais, Bulgur, Mandeln, Walnüsse oder Studentenfutter in ihre Gläser und Dosen rieseln lassen, wie sie möchten. 30 Gramm oder 180 Gramm - abgerechnet wird hier genau nach Gewicht. Auch Süßigkeiten gibt es zu kaufen: Lose liegen Riegel verschiedener Schokoladensorten in Einweckgläsern, daneben stehen Behälter voller Veggie-Gummibärchen und Lakritz-Schnecken. Und alles ist bio.

Lächelnd steht Anna Wahala hinter ihrem Verkaufstisch hinten im Laden, wiegt jedes Glas und jede Dose einzeln ab, notiert den Preis, zapft auf Wunsch der Kunden Handseife mit Lavendelduft, Waschmittel oder Kalklöser aus großen weißen Kanistern in die mitgebrachten Flaschen und plaudert nebenbei mit ihren Kunden - etwa über einen neuen biologischen Klarspüler, den sie nun im Angebot hat.

Von einem eigenen Laden hat sie immer schon geträumt, erzählt Wahala, die in Madrid und Reutlingen Internationales Management studiert hat. Zuletzt führte sie, gemeinsam mit ihrem Bruder, eine eigene IT-Firma. "Aber da hat mir der Kontakt zu den Menschen gefehlt." Nun hat er die Firma zunächst allein übernommen, damit sie sich ihren Traum erfüllen kann.

Natürlich dauert das Einkaufen hier deutlich länger als in einem normalen Supermarkt. Eine Kundin ist seit einer halben Stunde im Laden, schaut sich um, wählt aus, wiegt ab. "Viele sagen, das Einkaufen macht hier richtig Spaß", erklärt Wahala. "Es ist bewusster." Wenn auch umständlicher. Schnell auf dem Heimweg noch ein paar Kleinigkeiten besorgen - hier ist das komplizierter. "Man muss mehr planen", räumt Wahala ein. Und bereit sein, Behälter mit sich herumzutragen.

Wie an diesem Vormittag, an dem vor allem Frauen mittleren Alters und eine junge Frau mit kleinem Kind im Laden sind, ist es nicht immer, sagt sie. Ihre Kunden seien unterschiedlich: junge Leute, Studenten, Familien - aber auch ältere Menschen, die keine großen Packungen haben wollen, weil ihnen 50 Gramm Müsli ausreichen. Auf jeden Fall sind die meisten wohl Menschen wie sie, die sich mit Themen wie Ernährung beschäftigen, mit biologischer Landwirtschaft und Umweltschutz. So passt der Laden auch in das Viertel, in dem er liegt: zwischen einem Bio-Metzger und dem Marktplatz, auf dem zwei Mal in der Woche Bio-Obst und -Gemüse verkauft wird. Das ist auch einer der Gründe, weshalb Wahala bisher vor allem Trockenware anbietet. Ein anderer ist die Hygiene. Mit solchen Waren sei es für den Anfang einfacher, die Bestimmungen einzuhalten. Ausschließen will sie aber nicht, dass sie irgendwann auch anderes verkauft. "Ich habe jetzt erst einmal klein angefangen", sagt sie. "Aber es kann ja noch wachsen."