Wirtschaftsmorgen

Mein lieber Herr Gesangsverein!

Gemeinsames Singen beflügelt – auch am Arbeitsplatz. Wie bei zwei Firmenchören aus der Region, deren Entstehungsgeschichte unterschiedlicher kaum sein könnte. Dennoch eint sie die Freude an der „Ur-Muttersprache“, wie der legendäre Musiker Yehudi Menuhin die Kraft des Gesangs wunderbar umschrieben hat.

Doch von vorne. 2003 plante das Mannheimer Werk von Alstom (zuvor BBC, heute General Electric), Massenentlassungen. Bei einer Großdemo in Paris, wo der Kraftwerkhersteller seine Zentrale hat, staunten aus der Rhein-Neckar-Metropole angereiste Betriebsräte, dass Kollegen anderer Länder sich nicht mit Spruchbändern begnügten – sondern ihrem Protest eine Stimme gaben. Während der Busrückfahrt reifte die Idee, all die Ängste, aber auch den Willen zum Widerstand in ein Lied zu packen. Dies textete und komponierte der Mannheimer Musiker Bernd Köhler: „Unsere Chance: Résistance“ sollte sich als Hit erweisen. „Mir war sofort klar, dass die Leute selbst singen müssen“, blickt der Liedermacher zurück und erzählt, wie er im Raum der Mitarbeitervertretung die legendäre Botschaft mit Männern und Frauen der Belegschaft einstudierte. Giovanni Sarro, der als Dreher bei BBC begann und heute zu einer Transfergesellschaft des neuen Eigentümers General Electric gehört, begeisterte sich spontan für das ungewöhnliche Projekt. Als Mitglied beim „Liederkranz Biblis“ wusste er, dass gemeinschaftliches Singen „befreit und gut tut“. Zu erfahren, wie der Chor bei Auftritten die Belegschaft zusammengeschweißt hat, empfindet er als „wunderbare Bereicherung“ seines Lebens.

Yamina Rausch nickt zustimmend, weil dies auch für sie gilt. Die Anwaltsgehilfin, die 1979 zu BBC kam und all die folgenschweren Veränderungen miterlebte, sang erstmals mit, als bei einem Paradeplatz-Auftritt einige Chorsänger früher gehen mussten. „Eigentlich bin ich Hardrock-Fan“, gesteht sie. Sie habe aber bald gemerkt, dass auch das „Résistance-Lied“ rockt. Im Herzen wie in der Hüfte. Der etwas andere Werkschor, der mit Bernd Köhler als ehrenamtlichem Leiter sein Repertoire erweitert und eine CD herausgebracht hat, ist bis heute (so sein Motto) „kein bisschen leise“ , tritt mit und ohne Gastmusiker bei Kulturfestivals auf – und wenn andere Belegschaften um ihre Arbeitsplätze kämpfen.

Als das Alstom-Lied Mitarbeitern Flügel verlieh, sollte es noch Jahre dauern, ehe beim Pharmaunternehmen Roche in Mannheim ein Chor gegründet wurde: Die musikbegeisterte Abteilungsleiterin der Qualitätssicherung, Lydia Langen, hat sich dafür 2015 eingesetzt. Johannes M. Kösters, der an der Mannheimer Musikhochschule als Dozent für Gesang gewirkt hat, weiß, um was es bei solch einem Ensemble geht: „Um Spaß am Singen!“ Gleichwohl ist ihm wichtig, Stimmen zu bilden, Artikulation zu fördern – „Liedtexte sollen ja verstanden werden“. Den Profi hat überrascht, wie enorm sich der Laienchor entwickelt hat. Unlängst trat er mit dem „Collegium Musicum Mannheim“ bei einem Sinfoniekonzert zum 200. Geburtstag des Komponisten Hubert Ferdinand Kufferath (1818-1896) auf.

Bei der montäglichen Chor-Probe hat diesmal die Ferienzeit Lücken gerissen. Jene, die gekommen sind, erfüllen das Untergeschoss im Ausbildungszentrum nicht nur mit Gesang, sondern mit spürbarer Begeisterung. „Nach einem anstrengenden Arbeitstag wieder runterkommen“, nennen die einen als Motivation, andere schwärmen vom Gemeinschaftserlebnis. Und dies bringt Roche-Beschäftigte im Alter von Anfang 20 bis Mitte 50 zusammen.

So bunt wie das Vokalensemble gemischt ist, so vielfältig präsentiert sich das für regelmäßige Konzerte einstudierte Repertoire: von Bach-Chorälen aus dem Weihnachtsoratorium über Rockiges bis zu den (vertonten) Ringelnatz-Ameisen.