Wirtschaftsmorgen

Neue Mitte für Seckenheim

Archivartikel

Im Sommer 2015 durch die Seckenheimer Hauptstraße zu gehen, gleicht einem Spießrutenlauf vorbei an großen Baumaschinen, kleinen Schutthügeln, tiefen Erdlöchern und hoch aufgetürmten Pflastersteinen. An einem normalen Arbeitstag stehen zahlreiche Mütter, Väter und Großeltern mit ihren Kindern und Enkeln auf der Straße und staunen über das, was sich vor ihren Augen abspielt: Seckenheims Hauptstraße, die Lebensader des überaus lebendigen Mannheimer Stadtteils, ist eine riesige Baustelle - und wird das noch eine ganze Weile bleiben.

Voraussichtlich Ende 2016 sollen die Bauarbeiten abgeschlossen sein. Das zumindest hat die Stadt Mannheim so angepeilt. Danach wird Seckenheim eine komplett neue Straßenbahntrasse inklusive zweier neuer barrierefreier Haltestellen ("Deutscher Hof" und "Rathausplatz") sowie eine neu gestaltete Ortsmitte inklusive eines "Baumquartiers" haben. Kosten: 6,2 Millionen Euro. Eine Investition, die laut Erstem Bürgermeister Christian Specht den "Kraftquell von Seckenheim" aufwertet.

Auch in Hinblick auf die zahlreichen Geschäfts- und Gewerbetreibenden entlang des betroffenen Hauptstraßen-Abschnitts sagte Specht beim Spatenstich im März dieses Jahres: "Alles wird gut." Tatsächlich trifft die Großbaustelle die Anlieger auf ganz unterschiedliche Weise, wie Elvira Treutler weiß: "Für diejenigen, die ihren Umsatz überwiegend aus Stammkundschaft rekrutieren, ist der Umsatzrückgang nicht ganz so gravierend wie für jene, die von Laufkundschaft leben und deren Kunden aus anderen Stadtteilen kommen. In diesen Fällen klagen Handel und Gewerbe über massive Umsatzverluste."

Treutler ist Vorsitzende des Bundes der Selbständigen (BdS) in Seckenheim und findet nach eigenem Bekunden das Bauprojekt an sich gut. Eine starke und moderne Infrastruktur sei für einen Stadtteil wie Seckenheim unverzichtbar, meint Treutler und sieht deshalb auch eine große Chance in der Umgestaltung. Allerdings äußert sie sich auch sehr besorgt darüber, dass es manche Geschäfte womöglich gar nicht so lange schaffen, den Kundenrückgang zu verschmerzen: "Wir haben hier eine bunte Mischung, Einzelhandel, Gastronomie, Handwerk, Industrie und Ärzte - und jeder muss anders mit der Baustelle umgehen."

In der Praxis bedeute dies beispielsweise, dass Veranstaltungen außerhalb der gängigen Öffnungszeiten verlegt und in die breite Öffentlichkeit immer wieder Signale gesendet werden, dass Seckenheim trotz Baustelle immer noch da ist, erklärt Treutler. An beiden Seiten der Baustelle sowie an den Ortseinfahrten sind Schilder angebracht, die darauf hinweisen, dass sämtliche Geschäfte zu erreichen sind. Generell aber beklagt sie die schlechte Anbindung Seckenheims, unter anderem verstärkt durch die gerade begonnene Sperrung der Straße nach Hochstätt und damit in den Süden von Mannheim-Stadt. Darunter, so Treutler, hätten vor allem die Gewerbetreibenden rund um den Seckenheimer Wasserturm zu leiden.

Derzeit bewegt sich der Bautrupp auf der Hauptstraße zwischen den Hausnummern 120 und 129. Oder besser gesagt: zwischen dem Goldschmied Ehmke und dem Ärztehaus auf der einen und Feinkost Leckerli sowie der Pizzeria Adria auf der anderen Seite. Dazwischen liegen ein Optiker, ein Metallbauer, die Jobbörse und mehrere Modehäuser. Es ist leicht nachvollziehbar, dass während der Bauzeit weniger Kunden kommen: Lärm und Staub, kaum Platz für Fußgänger, Baumaschinen, die auf dem letzten Rest Gehsteig geparkt werden - ein Einkaufserlebnis sieht definitiv anders aus.

Trotz alle dem: Elvira Treutler ist nach wie vor von der Zugkraft Seckenheims als Wirtschaftsstandort überzeugt. Dafür spreche, dass viele Kunden aus Nachbarorten kommen und sich gezielt für das Einkaufen abseits der großen Zentren entscheiden. Was Seckenheim so attraktiv macht? Unter anderem auch der Zusammenhalt der Gewerbetreibenden, die mit derzeit 108 Mitgliedern im örtlichen BdS vertreten sind und sich laut Treutler während der Baustellenzeit besondere Marketing-Aktionen überlegt haben.