Wirtschaftsmorgen

Schmuck aus Schrott

Ihre Schmuckstücke haben Namen wie gute Freundinnen: Waltraud, Ursel und Mechthild zum Beispiel sind Halsketten. Zeitlos schön und ohne Schnörkel sollen die Stücke sein, und vor allem nachhaltig. Julia und Stefanie Gerner produzieren in Heidelberg unter der Marke Fremdformat Schmuck aus Industriemetallresten.

Gerade erst waren die beiden Frauen wieder im Messe-Stress. Bei der Ethical Fashion Messe im Berliner Kraftwerk zeigte Fremdformat eine neue Kollektion während der Berliner Modewoche. Längst ist der Name über die Region hinaus bekannt. Dazu kommen Auszeichnungen: Jüngst waren Julia und Stefanie Gerner für einen Preis bei der „Uncover“-Messe in Mannheim nominiert und im Frühjahr haben sie den „Ideenstark“-Wettbewerb gewonnen – eine Auszeichnung der MFG Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg, die von der Landesregierung unterstützt wird.

Fremdformat? „Wir sind ein bisschen anders“, das soll der Firmenname signalisieren, erklären beide. Mit der eigenen Schmuckschmiede erfüllt sich das Paar einen Lebenstraum. „Ich wollte schon immer eigene Stücke kreieren“, sagt Julia Gerner, 35, die sich besonders um die neuen Entwürfe kümmert, während sich Mediengestalterin Stefanie Gerner, 42, im Marketing einbringt.

Lange blieb Schmuckmachen für Julia Gerner ein Hobby neben ihrem Hauptberuf in der Sozialarbeit. Und auch die ersten beiden Jahre von Fremdformat schafften die Gründerinnen im Nebenjob. Ganz langsam und behutsam haben sie sich nun ihr kleines Unternehmen aufgebaut. Kunden kaufen im Onlineshop oder bei ausgesuchten Adressen, die Mode und Accessoires aus nachhaltiger Produktion anbieten.

Messing, Kupfer und Edelstahl verarbeiten die Frauen zu Ketten, Armbändern, Ringen und Ohrringen. Zubehör wie Verschlüsse, die verwendet werden, stammen ausschließlich aus deutscher Produktion. Nur so, sagt Stefanie Gerner kategorisch, habe man Gewissheit, dass beispielsweise Arbeitsschutzstandards eingehalten werden.

Stark nachgefragt werden polierte Messingplättchen, in die auf Wunsch Namen oder Daten mit einem Stahlstempel eingestanzt werden. Die Plättchen werden dann an Ketten um den Hals getragen. Edelmetalle hat Fremdformat nicht im Angebot. „Wir haben uns dagegen entschieden – allenfalls wäre Recyclingmaterial in Frage gekommen.“

50 verschiedene Modelle sind derzeit im Sortiment. Über jedes Stück, das neu aufgenommen wird, entscheiden beide gemeinsam. „Unser Stil ist sehr ähnlich“, sagt Julia Gerner lächelnd. Meist sind es minimalistische Formen.

Die Zielgruppe für den Schmuck: Frauen jeden Alters. Noch wird in einer Werkstatt in Rauenberg produziert und im Kreativwirtschaftszentrum „Dezernat 16“ hat das Paar, das möglichst viel gemeinsam macht, außerdem ein Büro. Ein eigener Laden – das ist aber der große Traum der zwei Frauen.

Die größte Schwierigkeit ist die Materialbeschaffung: Immer wieder suchen die Frauen nach neuen Quellen und werden eher bei kleinen Firmen als bei Konzernen fündig. Haben sie dann Überschussmaterial – etwa Reste von ausgestanzten Teilen –, darf die kreative Ader pulsieren. Nicht nur nachhaltig, sondern auch hautverträglich sollen die Stücke sein. Messing gibt es nur als nickelfreie Variante.

Dem Umweltgedanken ist die Verpackung ebenfalls geschuldet. Kein Fitzelchen Plastik kommt zum Einsatz, sondern das nachhaltige Geschmeide reist rustikal-adrett in Pappschachteln zur Kundin.

Schmuck, betonen beide Frauen, müsse man pflegen wie ein gutes Kleidungsstück – dann habe man auch viele Jahre Freude daran. Sollte doch einmal etwas kaputtgehen oder Kratzer bekommen, reparieren oder polieren Julia und Stefanie Gerner die Stücke in der eigenen Werkstatt. Auch das ist für sie ein gelebtes Stück Nachhaltigkeit.