Wirtschaftsmorgen

Sportlerin hilft Ungelernten über Hürden

Martje Hoekmeijer weiß genau, wie das ist. Lange arbeitet die 39-Jährige als Lehrerin, steigt bis zur Konrektorin einer Gesamtschule auf. Sie ist erfolgreiche Leichtathletik-Trainerin, zuvor selbst lange Spitzensportlerin. In der 400-Meter-Staffel hat sie einen niederländischen Rekord erzielt. Mehrere Jahre ist sie Mitglied des Sprint-Nationalteams. Ehrenamtlich gründet und leitet sie eine Stiftung, die mit von ihr organisierten großen Events viele Millionen Euro für die Brustkrebsforschung einwirbt.

In ihrer Heimat, in den Niederlanden, kennt man sie. Doch als Hoekmeijer der Liebe wegen Anfang 2018 nach Mannheim zieht, weiß niemand, wie viele Kompetenzen und Erfahrungen diese sympathisch-enthusiastisch auftretende Frau hat. Doch nun nutzt die IHK ihr Können, um genau solchen Menschen zu helfen. Hoekmeijer betreut das Projekt „ValiKom Transfer“. Es heißt offiziell „Validierungsverfahren von praktischen beruflichen Kompetenzen“. Das prüft und zertifiziert, ob langjährige berufliche Erfahrung ganz oder teilweise gleichwertig mit einem deutschen Ausbildungsabschluss ist.

Bis Ende 2018 gab es bundesweit gerade mal fünf Industrie- und Handelskammern, die sich an dem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projekt beteiligt haben – die IHK Rhein-Neckar war von Anfang an dabei und damit Vorreiter, wie Präsident Manfred Schnabel stolz betont. Seit Anfang dieses Jahres sind es nun 17 Kammern, doch Mannheim ist nach wie vor zuständig von Baden-Baden bis Marburg in Mittelhessen. Die Universität Köln begleitet „ValiKom Transfer“ und bewertet es. Bewährt es sich, soll es überall eingeführt werden – aber noch werden Erfahrungen gesammelt.

Martje Hoekmeijers Erfahrungen sind „sehr gut“, wie sie betont: „Die Menschen sind dankbar und die Arbeitgeber auch – sie sind es überwiegend, die uns die Leute schicken“, berichtet sie. „Arbeitssuchende haben dadurch bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt und Arbeitgeber eine bessere Transparenz über Fertigkeiten und Kompetenzen von Mitarbeitern oder Bewerbern“, unterstreicht IHK-Präsident Schnabel Vorteile für beide Seiten.

20 Teilnehmer hat Martje Hoekmeijer bisher betreut. Acht davon sind Flüchtlinge, meist aus Syrien oder dem Irak. „Die haben in ihrer Heimat qualifiziert in Berufen gearbeitet, fast alle in der Metalltechnik, aber können es hier nicht nachweisen“, berichtet sie. Schließlich hat Deutschland seine Berufsausbildung nicht nur sehr gut durchstrukturiert, sondern legt traditionell auf Zeugnisse großen Wert. Im Ausland ist das oft anders. Da findet die Ausbildung im Familienbetrieb statt oder in privaten Bildungseinrichtungen. In Deutschland verwertbare Erfahrungen und Qualifikationen erhalten die Leute zwar auch dort, aber eben nicht das nötige Papier.

Doch „ValiKom Transfer“ wendet sich keineswegs nur an Flüchtlinge. Hoekmeijer saßen auch schon viele Einheimische gegenüber. So erzählt sie von einer Frau, die mit 21 Jahren über einen Ferienjob in eine Firma kam – und blieb. „Zwölf Jahre arbeitet sie dort schon als Maschinenführerin, sie ist da reingewachsen – aber offiziell ungelernte Aushilfe“, verdeutlicht Hoekmeijer das Problem. Oder die langjährige Angestellte eines kleinen Familienbetriebs, die schon als junges Mädchen dort begonnen hat. Dessen Chef weiß, was die Frau kann – aber er wird aus Altersgründen bald den Laden schließen. Seine bewährte Kraft wäre auf dem Arbeitsmarkt dann offiziell „Ungelernte“, weil sie eben immer nur gearbeitet, aber nie einen Abschluss gemacht hat.

Hoekmeijer setzt sich mit jedem, der sich für „ValiKom Transfer“ anmeldet, zusammen und erklärt das Verfahren. Dann muss jeder Teilnehmer einen Lebenslauf erstellen und aufschreiben, was er im Berufsalltag gemacht hat. Dabei ist es unabdingbar, dass man Deutsch beherrscht. „Ich habe auch schon Leute weggeschickt, die sich falsche Hoffnungen gemacht haben. Deutsch ist das A und O, das muss sein“, bekräftigt die IHK-Mitarbeiterin aus eigener Erfahrung. Auch sie hat erst einmal beim Goethe-Institut ein halbes Jahr einen Intensivkurs belegt und abgeschlossen, ehe sie Bewerbungen schrieb und schließlich bei der IHK die Position bekam, in der sich ihre persönlichen Erfahrungen nun als nützlich erweisen.

Nach Gespräch, Lebenslauf und mehrseitigem Fragebogen wird dann festgelegt, welcher deutsche Ausbildungsberuf passen würde. Die dafür offiziell erforderlichen Kenntnisse darf dann zunächst der Teilnehmer mit einem Selbsteinschätzungsbogen mit seinen Erfahrungen abgleichen. Das wird von der IHK geprüft, mit dem Teilnehmer wieder besprochen – und manchmal geholfen. „Ein arabischer Koch, der die deutsche Küche nicht beherrschte, hat dann erst einmal ein Praktikum in einer Hotelküche gemacht“, erzählt sie.

Dann folgt der wichtigste Schritt: die Fremdbewertung. So nennt sich der Tag, an dem Experten – für das Projekt eigens geschulte Prüfer oder Ausbilder – bei speziell gestellten praxisnahen Aufgaben beobachten. Dabei wird kein Druck aufgebaut, es soll bewusst keine Prüfungsatmosphäre herrschen. Es wird nichts abgefragt, sondern einfach nur der Alltag des jeweiligen Berufs simuliert. Die beobachtenden Fachleute bescheinigen danach schriftlich, ob die offiziellen deutschen Voraussetzungen für den Beruf ganz oder teilweise gleichwertig erfüllt sind.

Bislang hat keiner diese letzte Stufe des Projekts durchlaufen – denn der Weg dorthin braucht seine Zeit. Aber bei fünf der bisher 20 Teilnehmern, die sie beraten hat, steht das in den nächsten Wochen an. Und Hoekmeijer ist zuversichtlich, dass alle es schaffen.

„Das ist ein Zertifikat, das ganz transparent Fähigkeiten bestätigt – aber es ist kein Ersatz für eine abgeschlossene Berufsausbildung oder einen staatlichen Abschluss“, betont Hoekmeijer den Unterschied. Aber solch ein Papier helfe bei Bewerbungen, mache das Können für künftige Arbeitgeber transparent. „Und es erhöht ja auch den Eigenwert, das Selbstwertgefühl, wenn bestätigt ist, was man kann“, sagt Hoekmeijer und betont: „Ich weiß sehr gut, wie sich das anfühlt!“