Wirtschaftsmorgen

Stadtteil mit vielen Gesichtern

Archivartikel

Rheinau als Ort der Gegensätze zu bezeichnen, wäre eine Untertreibung. Eigenheim-Idylle und Naherholung am Rheinauer See auf der einen Seite, weltweit agierende Unternehmen im Industriegebiet auf der anderen: Im südlichsten Stadtteil Mannheims gibt es fast die gesamte Bandbreite einer Stadt zu bestaunen - inklusive alteingesessener Handwerksbetriebe, eigenem Bahnhof und eigenem Hafen.

Rheinau ist ein Stadtteil der vielen Gesichter: Am Rheinauer Ring im Osten des Stadtteils reihen sich gediegene Wohnhäuser mit Vorgärten aneinander, in dem dahinter gelegenen Dossenwald laden Wanderwege und Wildgehege zum Spaziergang ein. Im Zentrum rund um die Relaisstraße gibt es alles, was man zum täglichen Leben braucht: Supermarkt, Bäcker, Friseur, Wäscherei. Hier entlang verläuft auch die Straßenbahn mit der Linie 1, die den äußersten Süden Mannheims mit dem Norden verbindet.

Ein paar Straßen weiter - im Westen Rheinaus - zeigt sich ein ganz anderes Bild: Zwischen der Ruhrorter, der Holländer und der Antwerpener Straße haben sich namhafte Unternehmen wie TIB Chemicals, DS Smith Packaging und DB Schenker angesiedelt. Auch das Mannheimer Traditionsunternehmen Diringer & Scheidel, das unter anderem für den Bau des neuen Stadtquartiers Q6/Q7 verantwortlich ist, ist hier mit einem großen Transportbetonwerk vertreten; außerdem die Rhein Chemie als eine der ältesten Mannheimer Firmen (siehe Bericht auf der nächsten Seite).

Einen Grundstein für die "Industrialisierung" der Rheinau legte Friedrich Rahr im Jahr 1860 mit der Errichtung einer Ziegelei im Norden des Stadtteils, dem sogenannten Stengelhof. 1872 zog eine Gruppe um den Mannheimer Unternehmer Rudolf Haas nach und baute die "Chemische Fabrik Rheinau". Die günstige Lage an der durch Mannheim führenden Eisenbahn und die zeitgemäße Erweiterung des Hafens waren Faktoren, die weitere Unternehmen vom Produktionsstandort überzeugten.

Nach dem zwischenzeitlichen Niedergang etlicher traditioneller Firmen und Betriebe hat Rheinau den Strukturwandel vollzogen. Im Hafengebiet sind unter anderem Speditionen, Logistiker und Großhändler vertreten. Dazu gehören neben den bereits erwähnten Firmen der Transport-Spezialist Rhenania, die Fachspedition Hoyer sowie der Stahlhandels-Riese Klöckner & Co., der an über 200 Standorten weltweit einen Jahresumsatz von 6,5 Milliarden Euro (2014) erwirtschaftet.

Im Zentrum wiederum zeigt sich Rheinau - abgesehen vom stattlichen Verkehrsaufkommen - fast von einer ländlichen Seite. In der Relaisstraße reihen sich Apotheken an Arztpraxen, Konditoren, Blumen-Geschäfte und Drogerien, darunter inhabergeführte und seit langem in Rheinau verwurzelte Geschäfte wie der Juwelier Benz (seit 1930) und die Druckerei Grall (seit 1912).

Ein Grund für das sich nach wie vor haltende kleine bis mittlere Gewerbe ist das Engagement des Rheinauer Bundes der Selbständigen (BdS), der sich beispielsweise bei der stadtweiten Marketing-Aktion "Lange Nacht der Kunst und Genüsse" engagiert und sich regelmäßig bei Veranstaltungen im Stadtteil zeigt.

Neben dem kleinen und mittleren Gewerbe haben sich größere Unternehmen der Branche im eigens dafür vorgesehen "Ortsteil" Mallau angesiedelt (siehe Text unten auf dieser Seite). Casterfeld ist eine Mischung aus Wohn- und Gewerbegebiet mit Mietbauten und Autohäusern, Pfingstberg eine klassische Siedlung, die zu Beginn der 1920er Jahre mehr oder weniger auf dem Reißbrett entworfen worden ist. Pfingstberg ist vielen Menschen auch außerhalb der Region ein Begriff wegen der Kirchenbauten (St. Theresia vom Kinde Jesu).

Für die Rheinau als Lebens- und Wirtschaftsmittelpunkt gleichermaßen spricht die nahezu ideale Einbettung in das Verkehrsnetz. Der Stadtteil ist sowohl über die Straße (B 36) mit Anschluss an die Stadtautobahn in Richtung Heidelberg (A 656), mit dem Zug, der Straßenbahn und über den Rhein zu erreichen. Rheinau ist nicht nur ein Stadtteil der vielen Gesichter, sondern auch der vielen Zu- und Abfahrtswege - und damit bestens für die Zukunft gerüstet.