Wirtschaftsmorgen

Training im virtuellen Labor

Archivartikel

Wer ein neues Labor plant und dafür eine hohe Summe in die Hand nimmt, will vorher wissen, was ihn erwartet. Dank virtueller Welten ist es heute möglich, die Räumlichkeiten vorab am Computer zu planen und einzurichten. Dabei entsteht eine Echtzeitumgebung, die der Rechner erzeugt – und die es möglich macht, durch die Gänge zu gehen, Türen und Schränke zu öffnen und Abstände zwischen Arbeitsgeräten auszutesten. Genügt das neue Labor den Anforderungen in der Praxis? Auch die Fußbodenfarbe und das Material können bereits aufeinander abgestimmt werden. Roche Diagnostics bietet diesen Planungsservice seit einigen Jahren für seine Kunden an. Das Unternehmen plant auch eigene Neubauten auf diese Weise.

„Es ist ein bisschen wie im Küchenstudio“, erklärt Christopher Grieser, der die Einheit für Labordesign, Visualisierung und Virtuelle Realitäten bei Roche Diagnostics in Mannheim leitet. 2012 hat diese ihre Arbeit aufgenommen mit ersten Pilotprojekten. Daraus hat sich schnell eine feste Einheit in Mannheim etabliert, die ein Team von zwölf Mitarbeitern umfasst. Außerdem wird die Technik an 25 weiteren Standorten des Konzerns für Simulationen eingesetzt. „Auch auf Messen sind wir mit virtueller Technik präsent“, so Grieser.

Bei der Laborplanung sind nicht nur Informatiker an Bord. Schließlich müssen ganz klassisch beim Kunden der Ist-Zustand und der Flächenbedarf aufgenommen werden, ehe sich Umbau- oder Neubaupläne am Computer simulieren lassen. Die Simulation macht es nicht nur für die Entscheider möglich, die neuen Räume so früh wie möglich kennenzulernen und zu gestalten. So können Umplanungen während des tatsächlichen Baus vermieden und Kosten gespart werden. Auch die Mitarbeiter können sich schon früh mit möglichen Veränderungen vertraut machen und Einfluss auf die Umgestaltung nehmen. Das spiele heute eine große Rolle, hebt Grieser hervor.

Die Laborplanung ist ein Standbein des Fachbereichs. Ein zweiter ist die Simulation von Arbeitsabläufen. Michael Schaletzki, der für die Virtuelle Realität zuständig ist, nennt ein Beispiel: die Reinigung der Reinräume und der zugehörigen Produktionsanlagen. In den Laborbereichen der Pharmaproduktion werden Medikamente hoch steril verarbeitet. Doch auch diese Räume und Anlagen müssen regelmäßig gereinigt werden. Dieser Prozess ist zum Beispiel in 20 Arbeitsschritte aufgeteilt.

Dank eines Trainings mithilfe von Technologie, die virtuelle Realitäten erzeugt, lassen sich diese nun realistisch üben, ohne dass der Produktionsprozess gestört oder unterbrochen werden muss. Dafür setzen sich die Mitarbeiter eine Brille auf, die die Umgebung simuliert, und erhalten für jede Hand eine Steuerung, mit der sie die notwendigen Handgriffe ausführen können. Sie tauchen dabei in die Reinräume ein, können sich frei bewegen, in die Anlagen hineinschauen und die Dinge ausführen, die nötig sind. Das Programm zeichnet den Übungsablauf im Hintergrund auf, so dass die Arbeitsschritte danach konkret ausgewertet und eine Fehlerdiagnose gemacht werden können.

„Diese Technik ist in Mannheim bereits im Einsatz. Die Programme werden gemeinsam mit den Mitarbeitern weiterentwickelt“, berichtet Grieser. So lassen sich die Abläufe schärfen und die Übungsabläufe verbessern. Er sieht hier große Chancen, auch die Zusammenarbeit von Mitarbeitern zu fördern, denn es können mehrere Leute gleichzeitig an einem gemeinsamen virtuellen Training teilnehmen. Die Programme eignen sich auch für die Schulung von Servicetechnikern, die für Roche unterwegs sind.

Grieser und Schaletzki sehen hier viel Potenzial. „Die Entwicklung und technologische Evolution ist getrieben durch die Spieleindustrie“, sagt Grieser. Das Wissen aus diesem Bereich könne sich die Industrie zunutze machen.

Doch zugleich stelle dies auch eine große Herausforderung dar, diese neuen Techniken in die traditionelle Arbeitsweise zu integrieren. „Hier in Mannheim haben wir sehr früh schon die Unterstützung des Managements bekommen“, sagt Grieser.