Wirtschaftsmorgen

"Viele großartige Köchinnen"

Archivartikel

Kritisch beobachtet Maria Mavraki ihre vier Kolleginnen am Herd. Zucker muss noch in den Milchreis, und zwar "jetzt", davon ist die 51-Jährige, die aus Griechenland stammt, überzeugt. Mit der deutschen Sprache tut sie sich noch schwer, obwohl sie seit fünf Jahren in Deutschland lebt. Das macht unsicher - manch einen auch ein wenig einsam.

Maria Mavraki hat sich vorgenommen, ihre Situation zu verbessern. Das Angebot des Jobcenters, das Projekt Migra zu besuchen, kam da gerade recht. Migra ist ein Qualifizierungsprojekt für Frauen mit Migrationshintergrund, das die Biotopia-Arbeitsförderungsbetriebe gemeinsam mit dem Jobcenter in Mannheim ins Leben gerufen haben.

"Im Mai 2008 starteten wir mit türkischen Frauen, die im Stadtteil Hochstätt lebten", berichtet Margarete Nagel, Leiterin der Abteilung Integration und Jugendhilfe bei Biotopia. Da die Ehemänner sehr skeptisch waren, durften sie ihre Frauen zu den ersten Treffen begleiten, die zunächst im Jugendhaus Hochstätt stattfanden. So wuchs Vertrauen. Den Organisatorinnen von Migra gelang es schließlich, die Frauen zu Zusammenkünften in der Biotopia-Zentrale abzuholen, die im Zentrum der Quadratestadt liegt. "Und ab diesem Zeitpunkt wurde nur noch Deutsch gesprochen", sagt Margarete Nagel und lächelt. Der Spracherwerb ist wichtig, um sich in dem neuen Land zurechtzufinden - das den Türkinnen bis dahin fremd geblieben war. Wer nicht versteht, bleibt isoliert.

So erging es einer "Migra-Absolventin", an die sich Margarete Nagel erinnert. Die junge Frau war aus der Türkei nach Deutschland verheiratet worden. In ihrer Heimatstadt hatte sie in der Verwaltung gearbeitet, in der Bundesrepublik musste sie nach dem Willen des Ehemannes zu Hause bleiben. "Das Leben hier kam ihr vor wie in der Steinzeit", schildert Nagel.

Als der Mann schließlich arbeitslos wurde und das Paar, das inzwischen einen Sohn bekommen hatte, mit Hartz IV über die Runden kommen musste, stellten sich Beziehungsprobleme ein. "Die Frau hatte nur noch einen Gedanken: Ich muss hier raus."

Doch die Verwandtschaft des Mannes stellte den einzigen sozialen Kontakt der Migrantin dar. "Und die redete ihr ein, dass sie in Deutschland gar kein eigenständiges Bleiberecht habe. Dass sie ihr Mann jeder Zeit in die Türkei zurückschicken könne. Und dass sie ihr Kind dann nie wieder sehen würde", berichtet Nagel.

Das Migra-Projekt aber ließ die junge Frau stark werden. Die Verantwortlichen organisierten eine Rechtsberatung, machten sie in der deutschen Sprache fit und sorgten für den Einstieg in die hiesige Arbeitswelt. "Heute arbeitet die Frau in der Kantine eines Seniorenheims", schildert Nagel, "und kann mit ihrem Verdienst sich und ihren Sohn nach der Scheidung ernähren."

Nicht immer allerdings ist die Situation der Frauen, die am Migra-Programm teilnehmen, derart extrem. Maria Mavraki scheint solche Probleme nicht zu haben. Sie erzählt voller Stolz von ihrer Familie - vor allem von ihren vier Söhnen. Und sie hat bereits einen Job. Stundenweise in der Küche eines griechischen Restaurants. "Bei der Arbeit ist es gut, wenn man Deutsch kann", ist sie dennoch überzeugt. Denn wer alles versteht, der kommt besser mit den Kollegen aus und den können Chefs nicht so leicht übers Ohr hauen.

Neben dem Spracherwerb steht Mobilitätstraining ganz oben auf dem Stundenplan der "Migra"-Teilnehmerinnen. "Sie sollen lernen, sich in ihrer neuen Heimatstadt besser zurechtzufinden", erklärt Margarete Nagel. Die Frage: Wo finden die Frauen die für sie zuständigen Ämter, wichtige Anlaufstellen, Gleichgesinnte. "Mit einer Fotosafari etwa bringen wir die Beteiligten an unserem Kurs dazu, die richtigen Wege in Mannheim einzuschlagen", erläutert die Projektverantwortliche Isa Hofstetter.

In der Berufsqualifizierung setzen die Migra-Verantwortlichen bei den Talenten der Migrantinnen an. "Das sind meist großartige Köchinnen, und sie verstehen es prima, einen Haushalt zu führen", betont Sabine Neuber, Geschäftsführerin von Biotopia. Also gibt man ihnen Zusatzqualifikationen im Bereich Hauswirtschaft an die Hand, um sie für den Arbeitsmarkt interessant zu machen. "Dazu gehört beispielsweise das Wissen um Hygiene-Standards, wie sie in Großküchen eingehalten werden müssen", erläutert Sabine Neuber.

Seit 2008 haben einige der Migra-Absolventinnen in der Gastronomie einen Job bekommen. Darauf ist das Team von Biotopia stolz. "Es zeigt, dass unser Konzept aufgeht, den Frauen Perspektiven aufzuzeigen, wie sie sich hier weiterentwickeln können", sagt die Geschäftsführerin.

In der Küche von Biotopia wird unterdessen weiter Milchreis gekocht und weiter debattiert. "Unsere Teilnehmerinnen suchen gemeinsam ein Rezept aus einem deutschsprachigen Kochbuch heraus, kaufen zusammen ein und unterhalten sich bei der Arbeit am Herd", erklärt Margarete Nagel. Da die Gruppe inzwischen multinational ist - die Frauen stammen aus der Türkei, Griechenland, Pakistan und dem Kosovo - , wird die deutsche Sprache ganz natürlich zum gemeinsamen Nenner. Und das Sprachtraining wirkt ganz ungezwungen.

Maria Mavraki ist froh, dabei zu sein. In Griechenland habe sie immer viel bei der Gemüseernte helfen müssen. Die Schulbildung sei da ein wenig zu kurz gekommen. "Dabei liebe ich das Lernen", sagt sie und lacht, bevor sie sich wieder in die intensive Diskussion am Herd einmischt.