Wirtschaftsmorgen

Vom Friseur zum Firmenchef

Archivartikel

Es begann mit einer einfachen Überlegung. 1986 war Nuri Tanis 16 Jahre alt und lebte erst seit zwei Jahren in Deutschland. Nach einem Sprachkurs wollte er seinen Hauptschulabschluss machen und sich einen Beruf suchen. "An der Justus-von-Liebig-Schule in Mannheim fiel mir dann auf, dass die Friseure immer gut gekleidet waren", sagt er. "Ich dachte mir: Wenn man als Friseur nach der Arbeit direkt ausgehen kann, dann will ich das machen!"

Es ist eine klassische Aufsteiger-Geschichte, die Tanis erzählt: Vom türkischen Gastarbeiterkind, das schnell die Sprache lernt, einen Schulabschluss macht und eine Lehrstelle findet. Vom ausgebildeten Friseur zum Inhaber mehrerer Friseursalons, der wiederum selbst Nachwuchs ausbildet. Vom Geschäftsmann, der ein Unternehmen gründet, das immer größer wird und in die alte Heimat expandiert. Und wie die meisten dieser Geschichten birgt auch diese hier einige Hindernisse, aber auch einige glückliche Zufälle.

Die erste Hürde musste Tanis nehmen, um überhaupt einen Ausbildungsplatz zu bekommen. "Das Jobcenter dachte, ich sei noch nicht in der Lage, eine Ausbildung zu machen, weil ich erst seit kurzer Zeit da war." Nach einem Praktikum im Salon Eberwein in Mannheim-Seckenheim setzte sich der Inhaber jedoch für ihn ein. "Ohne ihn hätte das damals nicht geklappt." Nach den Gesellenjahren im Salon Weber auf der Rheinau versuchte sich Tanis kurzzeitig als Versicherungsvertreter - ein lukrativer Job, doch mit dem Herzen war er nicht bei der Sache. "Ich wollte mich dann doch lieber um Menschen, Schönheit und Mode kümmern", sagt er. Eine Entscheidung, die er bis heute nicht bereut hat.

"Haarstudio Nuri" hieß sein erster Salon, den er 1994 in Mannheim-Neckarau eröffnete, und bald schon kamen weitere hinzu. Sieben sind es derzeit. Der Gründer steht nur noch selten am Frisierstuhl, "nur noch bei den Stammkunden von früher, die niemand anderen an ihren Kopf lassen wollen". Nuri Tanis lächelt. "Unser Job hat viel mit Vertrauen zu tun."

Dass er kaum noch Zeit findet fürs Schneiden und Frisieren, liegt vor allem an Tanis Professional, dem Unternehmen, das er 2004 gegründet hat und das Haarfärbe- und -pflegemittel herstellt. Ursprünglich wollte Tanis damit den Eigenbedarf seiner Salons decken. Er wollte sich nicht länger den Vorgaben der großen Marken beugen, die meist große Mindestbestellmengen vorgeben. "Dann haben immer mehr Kollegen Interesse an unseren Produkten gezeigt", erzählt der Friseurmeister. "So hat sich daraus ein Geschäft entwickelt."

Ein Geschäft, das trotz viel Konkurrenz erstaunlich gut läuft. Der Gründer erklärt sich das so: "Wir testen unsere Produkte selbst und konnten sie so von Anfang an optimieren." Entscheidend sei aber auch der Preis: "Wir sind fast 50 Prozent günstiger als herkömmliche Made-in-Germany-Marken", erklärt Nuri Tanis. Möglich sei das, weil seine Firma keine Marketing-Abteilung beschäftige.

"Unsere Produkte verkaufen sich über Mund-zu-Mund-Propaganda an Friseure in Deutschland, Holland, Dänemark, Frankreich und Luxemburg." Und seit fünf Jahren auch an Friseure in der Türkei.

Immer mehr türkische Friseure bestellten Tanis-Produkte aus Deutschland. "Transport und Zoll waren teuer, und wir kamen kaum hinterher", sagt Tanis. Also beschloss er, in Zusammenarbeit mit der Firma Zeitel auch in der Türkei zu produzieren - nach deutschen Kosmetikbestimmungen. "Das ist in der Türkei ein gutes Verkaufsargument." Inzwischen macht Tanis Professional 55 Prozent seines Umsatzes auf dem türkischen Markt.

In Deutschland sind viele Kunden der Marke deutsch-türkische Friseure. "Deshalb drucken wir unsere Gebrauchsanweisungen immer auch auf Türkisch", erklärt Tanis. Für türkische Friseure, die relativ neu in Deutschland sind, sei das wichtig - gerade beim Mischen von Haarfarben müssen die Anweisungen schließlich von den Kunden verstanden werden. Dass ein hoher Prozentsatz der Friseure in Deutschland Türken sind, da ist sich Tanis sicher. "Und die muss man berücksichtigen."

Er selbst ist auch nach 31 Jahren in Deutschland noch Türke - auf dem Papier zumindest. Dabei fühlt er sich inzwischen mehr deutsch als türkisch. "Ich habe wegen der Firmeneröffnung in der Türkei viel Zeit dort verbracht. Pünktlichkeit, Verkehr, Tagesablauf, körperliche Nähe - ich habe gemerkt, dass ich mich sehr an Deutschland angepasst habe", sagt der Unternehmer. Für den Familienvater Tanis stellt sich gar nicht die Frage, wohin er gehört: "Ich bleibe hier."

Und er hat noch viel vor: Seine sieben Salons sollen weiteren Zuwachs bekommen.