Wirtschaftsmorgen

Was für ein Theater!

Archivartikel

Auszubildende der südhessischen Bio-Supermarktkette Alnatura schreiben ein Stück für die Bühne - und spielen am Ende selbst mit. So sollen sie Kreativität entfalten, aus sich herausgehen und neue Seiten an sich entdecken. Von Alexander Jungert

Theaterspielen während der Ausbildung zum Kaufmann im Einzelhandel. Was soll das denn? Es gibt einen Satz von Alnatura-Chef Götz Rehn, der das ganz gut erklärt: "Ich möchte Ihnen zeigen, wie man aus einem Haus nicht nur aus einer Seite raus schauen kann, sondern, dass es rechts und links und hinter uns auch noch Möglichkeiten gibt, die Welt zu erkennen."

Rehn hat diesen Satz bei einer Vorlesung an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft gesagt, er ist dort Honorarprofessor. Der Gründer der Bio-Supermarktkette Alnatura - 1987 eröffnete die bundesweit erste Filiale in Mannheim - ist Anhänger der Anthroposophie. Ziel der Wirtschaft ist es demnach, den Menschen in seiner freien Entwicklung zu unterstützen. Götz selbst bezeichnet sich als "Wirtschaftsarzt", der mit seinem Unternehmen der Allgemeinheit dienen möchte. Alnatura nennt sich selbst eine "Arbeitsgemeinschaft" von 2500 Menschen.

Mit dem Ausbildungs- und Studienangebot will Alnatura jungen Menschen die Chance eröffnen, "in die Lehre zu gehen". "Wir bieten die Möglichkeit, sich durch Erfahrung selbst bilden zu können und die Chance, immer besser selbstverantwortlich in unserer Arbeitsgemeinschaft für andere tätig zu sein", hat Rehn einmal erklärt.

Auszubildende und Studenten (in der Alnatura-Sprache heißen sie "Lernende") nehmen am Theater-Workshop "Abenteuer Kultur" teil. Gemeinsam verbringen sie eine Woche in Begleitung der Theaterpädagogin und Regisseurin Sylvia Hatházy - um ein Theaterstück zu entwickeln. Die Ziele: Kreativität entfalten, Ausdrucksfähigkeit stärken, aus sich herausgehen. Mehr Offenheit und Eigeninitiative wagen. Jeder trägt zum Erfolg einer Gruppe bei. Die Theaterbühne wird so zum Berufsalltag im Kleinen. Zu den gespielten Stücken gehörte etwa "Die letzten Tage der Sophie Scholl", "Moby Dick" oder "Die andere Heimat" über das Auswandern und vom Suchen und Finden eines neuen Zuhauses. Teilnehmer berichten, dass das Theaterspielen dabei hilft, souveräner und lockerer zu werden. Und es hilft, leichter mit anderen reden zu können - auch, wenn es am Anfang Überwindung kostet.

Theaterspielen ist nur eines von vielen Konzepten im südhessischen Bickenbach, wo sich der Sitz von Alnatura befindet. Mitarbeiter treffen sich auch zu einem Malkurs. Oder sie kümmern sich im Garten um die Bienen: Es kommt ein Imker, der zeigt das Schleudern des Honigs. Mitarbeiter verwirklichen eigene Kurse oder Ideen, jeder soll seine Fähigkeiten und Kompetenzen entfalten.

Rehn leitet neben Alnatura das von ihm gegründete Institut für Sozialorganik an der Alanus Hochschule bei Bonn. Themen und Inhalte stehen unter der Überschrift: "Wirtschaft neu denken". Alnatura hat den Bio-Boom in Deutschland erst so richtig entfacht. Mittlerweile sind zahlreiche andere Anbieter auf den Markt gekommen. Selbst Discounter wie Aldi und Lidl haben Bio-Produkte im Sortiment. Rehn begreift das aber nicht als Konkurrenz: "Wir freuen uns über jeden, der gute Bio-Produkte macht. Wenn wir den Markt weiterentwickeln wollen, brauchen wir andere Stückzahlen und mehr Höfe, die auf "bio" umstellen."