Wirtschaftsmorgen

"Will die Szene bedienen"

Archivartikel

Hamid Latif ist ein Pendler zwischen zwei Welten. Oder präziser gesagt: Ein Pendler zwischen zwei Kulturen. Vor 34 Jahren wurde er als Sohn eines Iraners und einer Deutschen in Heidelberg geboren. Seine Jugend verbrachte er in Hoffenheim bei Sinsheim, wo er auch zur Schule ging.

Dann kehrte sein Vater mit der Mutter in den Iran zurück. Latif war gerade 14 Jahre alt, als er diesem Kulturschock ausgesetzt wurde. "Es ist schon ein extremer Unterschied", sagt er. "Auch wenn ich von zu Hause schon einiges kannte". Die Familie zog in ein Dorf, nicht vergleichbar mit dem, was wir in Deutschland unter einem Dorf verstehen. "Man war abgeschnitten von der Welt, Internet gab es noch nicht", erinnert sich Latif. Seine Highlights seien die Besuche aus Deutschland gewesen, die ihm die Sport Bild mitbrachten.

Doch er kann der Zeit auch positives abgewinnen. "Dieser Lebensabschnitt hat mich reifen lassen", sagt er heute. Mit 15 Jahren kehrte er ohne die Eltern nach Deutschland zurück. "Vor meiner Zeit im Iran bin ich ein schlechter Schüler gewesen, als ich zurückkam, wurde ich Zweitbester meiner Schule", erzählt er. "Ich wurde aufs Gymnasium versetzt und machte einen guten Abschluss."

Auf genau diese Zeit geht die Geschäftsidee zurück, mit der Hamid Latif heute seine Brötchen verdient. Sein älterer Bruder, ebenfalls in Deutschland lebend, lernte einen Graffiti-Künstler kennen, und die beiden beschlossen, Graffiti-Dosen zu vertreiben. "Ich habe vom ersten Tag an geholfen, die Firma aufzubauen", so Latif. Als Namen wählten die drei in Anlehnung an die Sprüher-Szene "inflammable" (zu Deutsch: "entzündlich").

Schnell wurde das Sortiment um den Bereich Textilien erweitert, den Hamid Latif als Projektleiter betreute. Vor rund zehn Jahren übernahm er die Firma dann schließlich komplett und nannte sie "in.com". "Zu diesem Zeitpunkt war unser Umsatz aber zu gering, wir mussten größer werden", erzählt er.

Dank guter Verbindungen aus dem Vertrieb von Graffitisprühdosen bekam der 34-jährige Diplomkaufmann die Chance auf einen guten Standort in der Mannheimer Innenstadt, den ehemaligen Union Square in R1. "Da ,inflammable' ein etwas umständliches Wort ist, nannten wir den Laden ,Blaze'", erklärt Latif. Aktuell sei der Blaze-Store mit mehr als 600 Quadratmetern Verkaufsfläche der größte Sneaker- und Streetwear-Shop in der Rhein-Neckar-Region.

Kurz nach der Eröffnung kaufte Hamid Latif den schwächelnden Onlineanbieter "burner.de". Mittlerweile laufen unter der Dachfirma "in.com" mit "burner.de" (Streetwear und Sneaker), "inflammable.com" (Graffiti und exklusiveres Segment) und drei Läden in Mannheim, Heilbronn und Berlin fünf Geschäftszweige.

"All unsere Marken sind Lifestyle-Marken, die vor allem junge Leute ansprechen sollen, die sich für Textilien und Sneaker interessieren", erklärt Latif. "Aus der Bewegung ist mittlerweile eine Szene geworden, und diese wollen wir bedienen." Doch die deutsche Szene reicht Hamid Latif nicht mehr aus. 2011 versuchte er, in den Iran zu expandieren - und scheiterte zunächst. "Ich bin ordentlich auf die Nase gefallen und musste hohe Verluste hinnehmen", sagt der vierfache Familienvater. Zu sehr unterscheide sich das dortige Wirtschaftsleben vom hiesigen. "Der Iran ist in vielerlei Hinsicht noch ein Entwicklungsland und es gibt sehr wenige feste Strukturen", erzählt er. "Zudem hängt viel von einzelnen Sachbearbeitern ab, die oft Geld haben wollen, damit was passiert", erinnert sich Latif. Als Ausländer wisse man zunächst gar nicht, wohin. Im Iran sei man darüber hinaus Faktoren wie Währungsschwankungen und Inflation deutlich mehr ausgesetzt. "Da machst du einen Businessplan, mit wochenlangen Berechnungen und Recherchen, und dann kommt plötzlich eine Entwertung von 20 Prozent und alles ist dahin", klagt der 34-Jährige.

Zwischenzeitlich hatte er die Pläne einer Erweiterung in den Mittleren Osten sogar ganz begraben, doch aktuell sieht die Situation wieder besser aus. "Die Sanktionen werden wohl aufhören, dann gibt es wieder einen Markt", so Latif, der sich im Iran einiges verspricht. "Natürlich hat sich dort keine Sneaker-Kultur entwickelt, wie wir sie hier kennen. Aber die Iraner schauen stark nach Europa und Amerika - vielleicht haben wir die Chance, hier einen Trend mitzuentwickeln", hofft Latif. Und durch seine häufigen Besuche habe er auch schon gute Kontakte geknüpft. Gerade sei er dabei, Infrastrukturen zu schaffen und ein Team vor Ort aufzubauen. Vorsprung hat er in jedem Fall, der Pendler zwischen den Kulturen.