Wirtschaftsmorgen

"Wollen das Leben verbessern"

Archivartikel

Der Rollstuhl-Hersteller Sunrise Medical aus Malsch bei Heidelberg rechnet mit weiterem Wachstum in den nächsten Monaten und Jahren. "Wir sind zufrieden, uns geht es gut", sagt Vorstandschef Thomas Rossnagel. Mehr als die Hälfte des Umsatzes macht Sunrise Medical in Nordamerika. Die USA sind der größte Einzelmarkt. Aus einem simplen Grund: Dort leben wesentlich mehr Menschen als in Deutschland oder anderen europäischen Ländern. Und China? In vielen Branchen gilt das asiatische Land als der Wachstumsmarkt. Für Sunrise Medical ist er das aber (noch) nicht. Denn das chinesische Gesundheitswesen ist sehr rudimentär, es gibt für die meisten Menschen keine Krankenversicherung. Also können sie sich das Hilfsmittel nicht leisten.

In Malsch sitzen die Entwicklungsabteilung und die Montage - mit einer werkseigenen Lackiererei. Die Einzelteile kommen aus der ganzen Welt. Im Lager stehen Räder und Dutzende Gestelle. Bis vor 40 Jahren hat es nur wenig Individualität bei Rollstühlen gegeben. "Mittlerweile werden sie angepasst an die verschiedensten Bedürfnisse und medizinischen Erkenntnisse", sagt Rossnagel."Kein Rollstuhl ist wie der andere."

Theoretisch sind Millionen Varianten möglich. Es gibt Rollstühle für Kinder, für Erwachsene jeden Alters, für den Einsatz im Freien, für schwerste Pflegefälle. Mit Armauflage, elektrischer Sitzneigung, Bürgersteighilfe. In den unterschiedlichsten Farben: Tutti Frutti, Marsrot, Hammerschlag, Kiwi. Hinzu kommt, dass jeder Markt seine Besonderheiten hat. Norwegen zum Beispiel. Dort tragen die Rollstühle fürs Freie wegen Schnee und Eis Reifen, deren Profil mit dem von Mountainbikes vergleichbar ist. Die Preise sind so unterschiedlich wie die einzelnen Modelle. So kann ein hoch technisierter Elektro-Rollstuhl leicht über 20 000 Euro kosten.

Der Verkauf erfolgt über den Sanitätsfachhandel oder über Regierungseinrichtungen - etwa solche, die Kriegsversehrte versorgen - in über 130 Länder. Sunrise Medical hat Vertriebsniederlassungen auf der ganzen Welt. Rossnagel sagt: "Wir wollen das Leben der Menschen mit unseren Produkten verbessern." Konjunkturelle Zyklen gibt es durchaus im Geschäft. Im Frühjahr zum Beispiel, wenn das Wetter besser wird, zieht die Nachfrage nach Aktiv-Rollstühlen für draußen an.

Die Wettbewerber von Sunrise Medical lassen sich an zwei Händen abzählen. Das Unternehmen befindet sich in einer großen, kleinen Nische. Groß, weil der Bedarf an hochwertigen Rollstühlen da ist. Klein, weil in Deutschland gerade einmal vier bis fünf Prozent der Ausgaben für Gesundheit auf Hilfsmittel wie Rollstühle entfallen.

Die Entwickler setzen sich selbst in Rollstühle und fahren damit die Hauptstraße in Heidelberg entlang, um das Fahrverhalten auf Pflastersteinen zu testen. 1998 ist in Malsch eine neue Halle mit 4000 Quadratmetern Produktionsfläche gebaut worden. Insgesamt verfügt man am Standort über rund 10 000 Quadratmeter Produktions- und Lagerfläche. Maximal 140 bis 150 Stühle fertigen die Mitarbeiter hier am Tag, rund 30 000 Einheiten sind es pro Jahr.

Die Beschäftigten müssen sehr gut ausgebildet sein. Gerade weil es so viele Varianten bei Rollstühlen gibt, werden sie drei bis sechs Monate eingearbeitet. Wie in einer Autofabrik fahren die Modelle am Ende durch eine Prüfstraße. Die Produktion trägt den Charakter einer Manufaktur. Der Automatisierungsgrad liegt unter zehn Prozent. Selbst die Sitzpolster für die Rollstühle werden von Hand genäht. Doch in Schulen gibt es so gut wie keinen Textilunterricht mehr, und immer weniger Menschen interessieren sich für diesen Beruf. Es sei schwierig, Nachwuchskräfte bei den Näherinnen zu finden, sagt Rossnagel. Sunrise Medical bildet auch selbst aus, und zwar drei bis vier junge Leute pro Jahr - zu Lagerlogistikern und Industriekaufleuten.

2012 hatten von Equistone Partners Europe beratene Fonds den Rollstuhl-Hersteller von der in den USA ansässigen Private Equity-Gesellschaft Vestar Capital Partners gekauft. Über den Preis wurden keine Angaben gemacht. Die Wurzeln des Malscher Unternehmens gehen bis in die 70er Jahre zurück.