Wirtschaftsmorgen

ZEW: Technologischer Wandel spaltet den Arbeitsmarkt

Digitalisierung und Automatisierung lassen keinen Stein auf dem anderen. Eine Studie des Mannheimer Leibniz-Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung kommt zwar zum Schluss, dass mehr Jobs entstehen als wegfallen. Doch wird die Einkommensungleichheit wachsen. Von Alexander Jungert

Welche Folgen hat die Digitalisierung für den deutschen Arbeitsmarkt? Dieser Frage haben sich Wissenschaftler am Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim und am Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn angenommen.

Die wesentlichen Ergebnisse: Digitalisierung und Automatisierung bringen bis zum Jahr 2021 zwar ein moderates Beschäftigungswachstum in Deutschland mit sich, verursachen voraussichtlich aber auch eine steigende Einkommensungleichheit unter Arbeitnehmern. Entgegen der verbreiteten öffentlichen Wahrnehmung schafft der technologische Wandel perspektivisch mehr Arbeitsplätze, als er zerstört. Von zentraler Bedeutung ist allerdings weniger die Anzahl der betroffenen Jobs, sondern der Strukturwandel am Arbeitsmarkt, der sich mit voranschreitender Digitalisierung und Automatisierung vollzieht. Datengrundlage für das Papier ist eine Befragung unter 2000 Produktions- und Dienstleistungsbetrieben.

Die Institute sind sich sicher: Zu den oft prophezeiten Massenentlassungen wird es nicht kommen. „Die fortschreitende Digitalisierung und Automatisierung sorgt dafür, dass Unternehmen zunächst eher zusätzliche Beschäftigte brauchen und einstellen werden, um die neuen Technologien einzuführen, als Personal abzubauen“, erklärt Ulrich Zierahn, Wissenschaftler am ZEW und Mitautor des Papiers.

In der Studie heißt es, dass Jobs, die ein hohes Maß an interaktiven und analytischen Fähigkeiten voraussetzen, ein geringeres Automatisierungspotenzial hätten als Berufe, die hauptsächlich von Routineaufgaben geprägt sind. Komplexere Tätigkeiten sind im Durchschnitt häufig besser bezahlt als Routinejobs. Entsprechend stellen die Forscher fest, dass sehr gut (aus)gebildete und entlohnte Arbeitskräfte eher vom technologischen Wandel profitieren, als mittel bis gering gebildete und bezahlte Arbeitskräfte. „Digitalisierung und Automatisierung verschärfen die Einkommensungleichheit auf dem deutschen Arbeitsmarkt“, sagt Zierahn.

Nach Ansicht des ZEW und des IZA lässt sich der Strukturwandel am besten damit abfedern, dass Unternehmen, Arbeitskräfte und Politik in Weiterbildung investieren. Erstens, um Arbeitskräfte für den Wandel auf dem Arbeitsmarkt fit zu machen und zweitens um sicherzustellen, dass die Unternehmen auch genügend Fachkräfte finden. Zudem soll sichergestellt werden, dass mittlere und kleine Betriebe nicht abgehängt werden.

„Die Betriebe in Deutschland befinden sich gegenwärtig in einer Investitionsphase“, erklärt Zierahn. „Bis sich neue technologische Entwicklungen im betrieblichen Alltag durchsetzen und für eine höhere Produktivität sorgen, braucht es eine gewisse Zeit. Der Weg dahin ist natürlich kostenintensiv. Die Politik kann hier mit gezielten Maßnahmen Unterstützung bieten und so den Unternehmen helfen, langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben.“