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Fußball spricht eine eigene Sprache

Archivartikel

Ob die „Bananenflanken“, der „humorlos einschießende Mittelstürmer“ oder der „Pass in die Tiefe des Raumes“ – der Fußball hat seine eigene Sprache. Wer sie nicht versteht, gerät ins Abseits.

Mancher Rückblick auf ein Fußballspiel liest sich wie die Schilderung einer Schlacht. Da klappt ein Team das Visier herunter, bietet offene Flanken oder lässt den Gegner ins offene Messer laufen. Die Rote Karte fürs Phrasendreschen gibt es selten. Doch ohne Fußball wäre die deutsche Sprache auch ein ganzes Stück ärmer. Wissenschaftler haben sich mit der Spezialsprache ausführlich befasst.

Fußball sei von Anfang an nach dem Muster von Angriff und Verteidigung, Sieg und Niederlage konzipiert, schreibt der Germanist Armin Burkhardt von der Universität Magdeburg. Er ist Autor eines „Wörterbuchs der Fußballsprache“.

Nicht immer ist die Sprache des Fußballs martialisch. Mitunter kommt sie geradezu lyrisch daher. Bei der Fußball-WM 2002 in Japan und Südkorea erwies der Journalist Gottfried Blumenstein in Radio-Beiträgen den Gastgebern mit dem japanischen Versmaß Haiku seine Reverenz. „Die deutsche Elf lacht/noch ist der schwarze Tag fern,/da Hummeln kommen“, dämpfte er zum Beispiel die Euphorie vor einem Turnier. „Ein Fußballspiel dauert in der Regel 90 Minuten, beim Haiku ist in zehn Sekunden alles gesagt“, verteidigte Blumenstein die von ihm gewählte Form der Dichtkunst.

Man muss den Ball nicht immer hämmern, dreschen oder zimmern, wenn das „Spielgerät“ über den Rasen befördert wird. Man kann ihn auch mit dem Fuß streicheln, abtropfen lassen oder seidenweich am Gegner vorbeispitzeln. Der ohnehin sehr umfangreiche Bestand an Verben, mit dem Kommentatoren das Schießen eines Balles beschreiben, werde ständig erweitert, beobachtet der Linguist Simon Meier-Vieracker von der Universität Dresden. Er könne auch ins Tor gezuckert, gezwitschert oder geschallert werden.

„Über 180 verschiedene Verben allein für das Schießen konnten bereits in Fußball-Livetickern ausfindig gemacht werden. Und es kommen immer neue dazu“, sagt der Forscher. Über keine Sportart werde so ausführlich geschrieben und gesprochen. Längst habe sich eine eigene Fußballsprache herausgebildet. Darin finde man neben Fachterminologie auch Ausdrücke, die im Fußball-Kontext eine ganz eigene Bedeutung haben, zum Beispiel die Schwalbe – also der Versuch, ein Foul vorzutäuschen.

Fleißige Phrasendrescher?

Vor allem aber gebe es viele Metaphern und Redewendungen, die nicht exklusiv für Fußball stünden, aber dennoch den typischen Sound von Livekommentaren und Spielberichten ausmachten: Wenn die Abwehr wie ein aufgescheuchter Hühnerhaufen durch den Strafraum renne oder Mannschaften mit angezogener Handbremse spielten. „Nicht umsonst gelten Fußballreporter als besonders fleißige Phrasendrescher“, sagt Meier-Vieracker.

Fußballsprache greife viele aus anderen Bereichen stammende Ausdrücke und Redeweisen auf. „Aber auch in umgekehrter Richtung lassen sich Einflüsse aufzeigen. So mancher aus dem Fußball stammende Ausdruck hat sich als Metapher in andere Bereiche ausgebreitet“, ergänzt Meier-Vieracker. „Wenn wir etwa den Ball flachhalten, jemandem die Rote Karte zeigen oder wenn eine Exzellenzuniversität wie die TU Dresden sozusagen in der Champions League spielt.“

Auch legendäre Sentenzen wie Sepp Herbergers Spruch „Nach dem Spiel ist vor dem Spiel“ seien in das kollektive Gedächtnis eingegangen und stünden als individuell anpassbare Schablonen für alle möglichen Kontexte bereit – zum Beispiel für politische Parteien. Grundsätzlich sei Fußballsprache eine Sondersprache, die in alle sozialen Schichten verstanden werde – doch manchmal nur von Fußball-Insidern. dpa