Wissenschaft

Indische Umweltaktivisten hoffen auf die EU

Archivartikel

In Indiens Pharma-Hochburg ist das Wasser so verseucht, dass ein Fluss schäumt und Fische sterben. Die Medikamente sind fürs Ausland bestimmt. Aktivisten wenden sich nun an die EU.

Wie in einer Badewanne schäumt das Wasser des Musi-Flusses. Es riecht modrig, stinkt nach Chemie. Er habe das Wasser schon einmal mit einem Streichholz angezündet, erzählt der Umweltaktivist Anil Dayakar. Anderswo würde das unglaublich klingen. Nicht aber hier in Indien, wo es Seen gibt, die immer wieder in Flammen aufgehen.

Sauberes Wasser geht dem Land aus, was laut einem Bericht der staatlichen Denkfabrik Niti Aayog jährlich 200 000 Menschen das Leben kostet. Demnach werden die Wasservorräte bis zum Jahr 2030 nur noch die Hälfte des Bedarfs decken. Dürren sind ein Grund, vor allem aber ist die Wasserqualität das Problem. Ungefähr 70 Prozent des Wassers sind dem Bericht zufolge kontaminiert.

Hyderabad, die südindische Metropole, durch die der Musi fließt, ist Indiens Pharma-Hochburg. Hier werden kostengünstig Antibiotika und andere Medikamente für den Weltmarkt hergestellt – ein großer Teil davon geht nach Europa. Durch ungeklärte Abwässer gelangen giftige Chemikalien und Metalle in das Wasser, wie Studien zeigen. Von dort finden sie ihren Weg in die Erde, in Tiere und in die Körper der Menschen.

Deshalb hat Dayakar mit Aktivisten einen Brief an die EU-Kommission geschrieben, den Dutzende Vertreter von indischen Organisationen sowie Dorfvorsteher und Mediziner unterschrieben haben. „Im Namen unserer indischen Mitbürger schreiben wir, um Sie aufzufordern, Maßnahmen zu ergreifen und sich mit der schwerwiegenden Umwelt- und Gesundheitskrise zu befassen, die sich in Indien in Zusammenhang mit der Produktion von Arzneimitteln für globale Märkte, darunter die Europäische Union, entfaltet“, heißt es darin. Die EU-Kommission befasse sich mit dem Problem, so ein Sprecher. Derzeit arbeitet die Kommission an einem Strategiepapier zur Umweltverschmutzung durch pharmazeutische Stoffe. Ausländische Inspektoren kommen zwar zur Kontrolle in die indischen Fabriken. Doch für Untersuchungen nach Umweltkriterien fehlt ihnen die rechtliche Handhabe.

Der Infektiologe Christoph Lübbert vom Uniklinikum Leipzig war 2017 in Hyderabad und nahm Proben verschiedener Wasserquellen. An vielen Orten stellte er hohe Mengen an Antibiotika und an Antimykotika – antimikrobiellen Pilzmedikamenten – fest. 95 Prozent der Proben von 28 Orten enthielten multiresistente Erreger. Diese entstehen durch den übermäßigen Gebrauch von Antibiotika und stellen nach Ansicht der Weltgesundheitsorganisation eine der größten Bedrohungen für die Gesundheit dar. Multiresistente Erreger sind kaum noch behandelbar, Menschen sterben an Infektionen, die eigentlich relativ harmlos wären. Ebenso wie die Antibiotika werden auch diese Keime exportiert: Lübbert zufolge sind mehr als 70 Prozent aller Indien-Besucher nach der Rückkehr infiziert – auch wenn das nicht immer mit einer Erkrankung einhergeht.

Nach vielen Jahren fruchtloser Appelle an die Behörden legt Batte Sankar, der auch den Brief unterzeichnet hat, seine Hoffnungen nun darin, dass die EU dafür sorgt, dass sich die Pharmafabriken an Umweltstandards halten müssen. „Was wir einfordern, ist unser Recht auf Leben“, sagt er.