Wochenende

Ein gerütteltes Maß

Archivartikel

Die Schmalspurbahn U Trinighellu auf Korsika schaukelt ihre Fahrgäste sanft in den Schlaf.Doch nicht aus dem Fenster zu schauen, wäre auf der Fahrt durchs Zentralmassiv ein Frevel.

U Trinighellu“, auf Deutsch der Zitternde, nennen die Korsen ihre Schmalspurbahn liebevoll, die seit 1889 die Hauptstadt Ajaccio im Südwesten mit der Hafenstadt Bastia im Nordosten verbindet. Doch die Zeiten, in denen die Fahrgäste auf hölzernen Bänken saßen und mächtig durchgerüttelt wurden, sind vorbei. Bis 2008 verkehrten auf der 160 Kilometer langen Strecke noch rot-beige lackierte Dieseltriebwagen aus den Jahren 1949/50. Seit 2009 sind neue, grauweiße Züge mit roten Türen, getönten Panoramascheiben und gepolsterten Sitzen im Einsatz. Da rüttelt nichts mehr! Vielmehr schaukeln die Waggons die Fahrgäste in weichen Bewegungen hin und her. Kein Wunder, dass so mancher Mühe hat, die Augen offen zu halten.

29 Tunnel und 34 Viadukte auf der Strecke

Doch nicht aus dem Fenster zu sehen, wäre ein Frevel. Denn der U Trinighellu fährt mitten durch das Zentralmassiv der Insel. Und so ziehen während der knapp vierstündigen Fahrt an den Panoramafenstern quasi alle Facetten der korsischen Landschaft vorüber: türkisblaues Meer und sichelförmige Buchten mit fast weißem Sand; Häfen, in denen Luxusjachten dümpeln; weite Ebenen, die von duftender Macchia bedeckt sind; und – im Landesinneren – schattige Wälder und schroffe Berge. Hier zuckelt die Schmalspurbahn über tiefe Schluchten und über reißende Gebirgsbäche, vorbei an spektakulären Abhängen, an die sich ab und an beigefarbene Gebirgsdörfer klammern wie Koalabären an Eukalyptusbäume. Um durch die zerklüftete Bergwelt überhaupt eine Bahnstrecke bauen zu können, mussten 29 Tunnel durch den Fels gebohrt, acht Brücken und 34 Viadukte über Täler und Schluchten gelegt werden.

Während die ausländischen Gäste im Zug unentwegt auf den Auslöser ihrer Kameras drücken, geben sich die einheimischen Fahrgäste – und die sind deutlich in der Überzahl – relativ unbeeindruckt. Ein junger Mann bietet einer Touristin ungefragt seinen Fensterplatz an. „Ich habe es ja schon so oft gesehen“, sagt er und lächelt nachsichtig. Paolo Mancini studiert in Corte und fährt regelmäßig mit dem U Trinighellu nach Ajaccio, in seine Heimatstadt. „Das geht schneller als mit dem Auto“, fügt der 22-Jährige hinzu und berichtet, dass sich seine Landsleute noch einen weiteren Kosenamen für die Schmalspurbahn ausgedacht haben: TGV Corse. Mit Geschwindigkeit wie beim französischen TGV (Train à Grande Vitesse) habe das aber nichts zu tun, sagt Paolo und grinst. In Korsika stünden die Buchstaben für Train à Grande Vibration – frei übersetzt also für Wackelzug.

Mit im Abteil sitzt auch Christel Sarry. Die Österreicherin arbeitet als Wanderführerin und steigt zusammen mit ein paar Urlaubern am Bahnhof Vizzavona aus. Der kleine Ort, der nur aus dem Bahnhof und einem Dutzend Häusern besteht, zählt zu den wichtigsten Verkehrsknotenpunkten der Insel: Denn hier führt Korsikas berühmt-berüchtigter Fernwanderweg GR 20 vorbei. Er gilt als einer der schwierigsten Wanderwege Europas. Ambitionierte Bergsteiger machen von Vizzavona aus eine Tagestour auf den 2391 hohen Monte d’Oro.

Höhepunkt der Reise ist die Fahrt über die etwa 90 Meter hohe Brücke Pont du Vecchio. Geplant hat sie 1888 kein Geringerer als der Ingenieur Gustave Eiffel, der Vater des berühmten Pariser Eiffelturms. Bei der Überquerung hat man einen herrlichen Blick hinab in die zerklüftete Schlucht, die der Bach Vecchio in den Berg gefräst hat.

Bis Bastia sind es nun noch etwa 100 Kilometer. Aber nicht alle Passagiere wollen dorthin. Für Paolo, den Studenten, zum Beispiel ist im nächsten Bahnhof, dem von Corte, Endstation. Während der kurzen Unabhängigkeit Korsikas in den Jahren 1755 bis 1769 war Corte Inselhauptstadt. Der Freiheitskämpfer Pasquale Paoli hatte sie dazu gemacht. Da sie im Landesinneren liegt und nicht an der Küste, lassen viele Touristen Corte jedoch links liegen. Dabei lohnt sich ein Besuch unbedingt. Überragt von der mächtigen Zitadelle klammert sich die Altstadt an einen steilen Felsen. Der Ausblick ist großartig.

Nach Corte steuert der Zug in sanften Kurven und stetig bergab auf Bastia zu. Die untergehende Sonne taucht die Stadt zu Füßen des Pigno-Massivs in ein weiches, warmes Licht. Vom Bahnhof ist es nicht weit bis in die historische Altstadt, die Terra Vecchia. Mit ihren verwinkelten Gassen, den historischen Gemäuern und den barocken Kirchen hat sich Bastia seinen mediterranen Charme bewahrt. In einem kleinen Lokal in der Nähe der Zitadelle klingt der Tag mit Hausmannskost aus: Der Wirt serviert Migliacci, eine Art Pfannkuchen, mit frischem Brocciu-Käse.