Wochenende

Vom Recht auf Risiko

Reini Scherer (52), hager mit grauen Strubbelhaaren, Erstbegeher von Dschungelfieber, einer sauschweren Kletterroute in der Martinswand, hat zehn Jahre für das neue Kletterzentrum in Innsbruck gekämpft. Drinnen sieht es aus, als hätte jemand Riesensmarties an die Wand geklatscht, 50 000 bunte Griffe für rund 400 000 Euro wurden installiert. Hier starten nun junge Einheimische ihre Kletterkarriere, was nicht heißt, dass man sie je irgendwo am Fels sehen wird. „80 Prozent bleiben in der Halle,“ sagt Scherer.

Hier kann man die Österreicherin Anna Stöhr treffen, Weltmeisterin und vierfache Weltcup-Siegerin im Bouldern. Stöhr (30), zierlich, 1,63 Meter groß. Wer sagt, er sei zu klein zum Klettern, käme an Griffe nicht ran - Anna Stöhr ist der Beweis, dass das nicht stimmen kann. Anna Stöhr sagt: „Klar klettere ich auch draußen, dann weiß man wieder, warum man überhaupt klettert.“

Im Klettergarten Walchenbach hat wiederum Angy Eiter angefangen. Eiter (32), viermalige Weltmeisterin im Lead-Klettern, große Augen, muskulöse, sehnige und doch schmale Arme, bindet sich ins Seil ein. Als erste Frau überhaupt kletterte sie 2017 in Andalusien eine Route im französischen Schwierigkeitsgrad 9b, die weltweit auch nur eine Handvoll Männer knacken konnten. Angy Eiter ist 1,54 Meter groß.

„Ich bin klein, ja, aber ich bin auch wendig“, sagt die Tirolerin. Da müsse sie eben ihre Stärken in die Wand bringen. In Walchenbach überziehen die Sportkletterrouten senkrechte, schwarz und hellbeige geäderte Kalkwände in einem Wäldchen bei Imst. Wer Schweres knacken will, wird hier fündig, aber für weniger Sportliche finden sich auch Touren.

Sportkletterer treffen sich auch in der Ehnbachklamm, lotrechte Wände entlang eines Baches, ein Paradies für Sportkletterer – auch weil man in Badeschlappen hinschlurfen kann. Zwei Tiroler Haudegen des Sportkletterns, Jakob Oberhauser, ein gedrungenes Muskelpaket, und Robert Thaler, die langen Haare zu einem dünnen Zopf gebunden, beide 47, waren oft dort. Sie haben rund um Innsbruck zahlreiche sauschwere Routen eröffnet, die Namen tragen von Bob-Marley-Songs wie „Buffalo Soldiers“.

Das Klettern finde heute wie eben das ganze Leben in einem behüteten, gesetzlich geregelten Umfeld statt, sagt Oberhauser. Von manchen Touren müsse er im Nachhinein sagen, „das bin ich nicht geklettert, das habe ich überlebt“. In einem Anfall von Nostalgie haben sie sich vor ein paar Jahren T-Shirts drucken lassen, auf denen stand: „Remember the times when sex was safe and climbing was dangerous.“ Sie erinnern sich an die Zeiten, als Sex sicher und Klettern gefährlich war. Aber wie gefährlich ist Klettern? Und wie gefährlich darf das Leben sein? Beim Abendessen entspinnt sich darüber eine Diskussion.

Spitzensportler werden beobachtet, man sieht ihre Videos im Netz. Sind sie Vorbilder? Stacheln die Videos Nachahmer an, die Gefahren weniger gut einschätzen können? Etwa bei Klettertouren ohne Seil, bei denen jeder Fehler zum Tod führt. Eiter stellt die Gegenfrage: „Darf jemand das, was er so gerne macht, jetzt nicht mehr machen, weil man ihm dabei zuschaut?“ Vielleicht geht es um ein Recht auf Risiko. Das Recht darauf, sich in Gefahr begeben zu dürfen, mit der Konsequenz, niemand anderen verantwortlich machen zu wollen.

Nun soll es aber an den Berg gehen. Sonntag, Herz-Jesu-Sonntag; eine Prozession zieht zur Kirche, mit Blaskapelle und Schützen mit riesigen Federn am Hut. Die Truppe präsentiert das Gewehr, bis einer mit scharfer Stimme ruft: „Kompanie abtreten zum Gottesdienst!“ Tirol eben. Bergführer Martin Gstrein geht voraus zum Engelkarturm. Gstrein, brustgroßes Tattoo, eine Zahnlücke seit dem letzten Eisklettern, rät gleich am Einstieg zum Helm. Vier Männer klettern bereits weiter oben.

Schon in der ersten Seillänge bröseln kleine Steine herunter. Martin steigt vor, ab und zu hat man direkt den Griff, an dem man sich festhalten wollte, in der Hand, weil er rausbricht. Das Gestein ist wirklich etwas schütter. Martin klettert weiter, von der Nachsteigerin gesichert. Rundum präsentiert sich eine Welt aus senkrechten Felswänden, viel Luft unter den Sohlen, das ist das Großartige, was das alpine vom Sportklettern unterscheidet.

Martin hat den nächsten Standplatz gebaut, die Nachsteigerin kann losklettern. Sollte sie stürzen, fällt sie ins Seil und nicht ins Leere. Die Wand ist nahezu senkrecht, teilweise wölbt sie sich sogar. Und während man noch grübelt, wie man da drüber kommen soll, passiert weiter oben auf einen Schlag sehr viel, und der Bauch im Fels wird zum Lebensretter. Es kracht, von oben kommt der Ruf: „Stein!“ Man klammert sich so platt an den Fels, wie es geht. Hinten rumpelt etwas Großes vorbei, Steine prasseln auf den Helm, viel Zeit zum Denken ist nicht, da ruft Martin von oben: „Alles gut?“ Ja! Da bleibt nur, sich zusammenzureißen und weiterzuklettern. Martin hat nur Kratzer. Was war passiert? Die Seilschaft weiter oben hat eine Felsplatte von der Größe eines Couchtisches aus der Wand gerissen. Und die rummste zu Tal, an Martin vorbei, weil er zum Glück einen Schritt weiter rechts stand, und weiter hinaus, weil sich der Fels etwas herauswölbte. Da hatte man also das Recht auf Risiko. „Du wolltest doch was Alpines“, sagt der Bergführer. Und fügt beim Radler auf der Latschenhütte noch an: „An Fetten muaßt a amol hobn im Leben.“ Manchmal muss man „fett viel Glück“ haben.