Zeitreise

Autowerkstatt im Blauen Salon

Das Schloss im Wormser Stadtteil Herrnsheim zählt zu den schönsten der Region. Fast 400 Jahre lang saß hier eine Linie der weit verzweigten Familie der Kämmerer von Worms, genannt von Dalberg.

Wer sich mit der Geschichte der Rhein-Neckar-Region befasst, stößt unweigerlich auf die Kämmerer von Worms, genannt von Dalberg. Urkundlich fassbar ist die große und weit verzweigte Adelsfamilie erstmals im frühen 13. Jahrhundert in Worms, wo ihre Vorfahren der sagenhaften Überlieferung zufolge bereits 70 nach Christus, nach der Zerstörung Jerusalems durch die Römer, jüdische Flüchtlinge angesiedelt haben sollen. Zu den Herrschaftsschwerpunkten der Kämmerer zählt ab 1370 Herrnsheim unweit der Nibelungenstadt, erst als Lehen der Grafen von Leiningen, dann als Eigenbesitz. Um 1460 lässt Philipp Kämmerer von Worms eine Wasserburg errichten, die Keimzelle des Schlosses, das heute der Stadt Worms gehört.

Stephanie Andres-Hummel ist Hausmeisterin im Schloss und kennt das Gebäude wie wenige andere. Das kommt ihrer „Zweitfunktion“ als Fremdenführerin zugute. Rundgänge durch das Schloss kann sie allerdings selten anbieten, da es die Stadt Worms fast ausschließlich für Konzerte, Empfänge und Hochzeiten nutzt. Kein Wunder also, dass sich am Tag des offenen Denkmals eine größere Gruppe Interessierter zusammenfindet, um die Gelegenheit zu nutzen.

Mysteriöse Gänge

Die Hausmeisterin beginnt die Führung im riesigen Keller des Gebäudes. Hier sind zwei Meter dicke Grundmauern des Rundturms zu sehen, des erhaltenen Teils der Wasserburg von 1460. Die Fremdenführerin will nicht ausschließen, dass der Keller noch Geheimnisse birgt: „Wo führen die Gänge hin, die wir hier erahnen können? Es gibt Beschreibungen von alten Herrnsheimern, doch sie können die Stellen, an denen sie Gänge oder tiefe Zisternen gesehen haben, nicht mehr benennen. Es ist möglich, dass wir irgendwann Kellergewölbe aus dem Mittelalter finden.“

Wie so vieles zerstören die Franzosen 1689, während des Pfälzischen Erbfolgekriegs, auch Burg Herrnsheim. Ab 1711 lässt Wolfgang Eberhard von Dalberg ein Barockschloss bauen. Grundmauern und ein Rundturm der Burg werden einbezogen. Auch hier, so Stephanie Andres-Hummel, gilt das Prinzip: „Was stehengeblieben war nach einer Zerstörung, blieb stehen. Es kam zu Zweit- und Drittverwendungen.“

Baumeister aus Mannheim

Auffallend ist, dass beim Bau und in der weiteren Geschichte des Schlosses öfter Fachleute aus Mannheim zugezogen werden, so 1722 der Baumeister Jean Clemens Froimont. 1792 kommt es als Folge der Französischen Revolution zu einer Plünderung des Schlosses, das aber nicht völlig zerstört wird. Die Verwüstungen dürften sich auch darum in Grenzen gehalten haben, weil man bei drohender Gefahr das Schloss in den „Rohbauzustand“ versetzte. Stephanie Andres-Hummel: „Möbel und anderes Inventar, die Holzböden und alles, was beweglich war, wurde ausgeräumt beziehungsweise ausgebaut. Dann verschiffte man es nach Mannheim. Und nachdem die Gefahr vorüber war, kam alles wieder zurück.“

Wolfgang Heribert von Dalberg lässt Herrnsheim ab 1808 im Empire-Stil wiederherstellen und zieht dabei den Mannheimer Architekten Friedrich Dyckerhoff hinzu. Ein weiterer bekannter Name ist mit dem Schlosspark verbunden: Friedrich Ludwig von Sckell. Der Gartenarchitekt hat den Park zwischen 1788 und 1792 in einen Englischen Garten umgestaltet. „Er bewegte ungeheure Erdmassen“, erläutert Stephanie Andres-Hummel: „Er schüttete das Gelände auf, wodurch die Einfahrt in das Gebäude von der Parkseite her verschwand. Vorher konnten die Kutschen auf einer einen Seite ein- und auf der anderen wieder ausfahren.“ 1840 bis 1845 wird das Schloss schließlich um einen Stock erhöht.

Nobles Treppenhaus

Nach dem Passieren des von barocken Nebengebäuden umgebenen Hofs und des überraschend unscheinbaren Eingangs kommt der Besucher ins Foyer, und dort fällt sofort das großartige Treppenhaus auf. Stephanie Andres-Hummel zeigt auf die Treppe: „Die Stufen sind nicht so hoch wie zu Hause, damit die noblen Röcke der Damen darüber gleiten konnten.“ Weiter geht die Führung durch prunkvolle Räume, vorbei an Porträts nobler Herrschaften, an seltenen Drucktapeten aus dem 19. Jahrhundert und an antiken Möbeln. Stephanie Andres-Hummel zeigt auf Deckenmalereien aus der Zeit um 1840: „Die sind wie auf Schloss Ludwigshöhe bei Edenkoben.“ Und das gehörte immerhin dem bayerischen Königshaus.

Den schlechten Zustand des Holzbodens im Blauen Salon erklärt die Hausmeisterin damit, dass die Amerikaner hier nach dem Zweiten Weltkrieg eine Lkw-Werkstatt eingerichtet hatten. Weiter geht es von einem repräsentativen Raum zum anderen. Ein Porträt der Lieselotte von der Pfalz gibt Andres-Hummel eine grandiose Vorlage, um Geschichten über die berühmte Frau zu erzählen. Im ersten Obergeschoss hängen Gemälde, die Kurfürst Carl Theodor und dessen Gattin zeigen. Sie stammen aus dem Originalbestand des Schlosses, von dem sich wenig erhalten hat. Die meisten Bilder und Möbel kommen aus dem Besitz der Stadt Worms.

„Vollgestellt bis obenhin“

Doch ein Inventar aus der Mitte des 19. Jahrhundert gibt detailliert Auskunft darüber, wie die Räume eingerichtet waren. Die Hausmeisterin: „Sie waren vollgestellt bis obenhin mit Sesseln, Stühlen und Sofas in rauen Mengen, dazu 54 Bettstellen.“

Schließlich gelangt die Gruppe im großen Rundturm an, dem Rest der mittelalterlichen Burg. Friedrich von Schiller soll auf Einladung des Mannheimer Theaterintendanten Wolfgang Heribert von Dalberg hier gewesen sein. Der Dichter saß auf dem Turm, blickte in den Park und dabei fiel ihm der berühmte Satz aus „Don Carlos“ ein, mit dem der Marquis von Posa von König Philipp II. Gedankenfreiheit einfordert. Eine schöne Geschichte, die aber laut Andres-Hummel einen Schönheitsfehler hat: Zu der Zeit, als Schiller in der Region weilt, ist der Turm eine Ruine.

Wer ihn heute betritt, erkennt sofort dessen Nutzung: eine riesige Bibliothek. Hier hortet Lord John Dalberg-Acton 30 000 Bände, eine Sammlung, die zu seinem Ruin beiträgt. Er ist der Enkel Emmerich Josephs von Dalberg, mit dessen Tod die Herrnsheimer Linie der Familie ausstirbt. Dalberg-Acton lehnt das Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes ab, und im Schloss finden Gespräche über die Gründung einer neuen Konfession, der Altkatholiken, statt.

1885 zwingen seine Schulden Dalberg-Acton zum Verkauf von Herrnsheim an die Wormser Industriellenfamilie Heyl, die hier glänzend Hof hält und illustre Gäste begrüßt, darunter Zar Nikolaus II. von Russland. Doch der Zweite Weltkrieg und seine Folgen bringen die Firma Heyl in wirtschaftliche Nöte, und 1958 erfolgt der Verkauf des Schlosses an die Stadt Worms.

Es ist toll, ein solch repräsentatives Bauwerk zu besitzen. Aber das hat seinen Preis. So steht ab Juni kommenden Jahres eine umfangreiche Sanierung an. Elektrik und Heizung stammen von 1912, nennt Stephanie Andres-Hummel eine wichtige Baustelle: „Die Dampfheizung braucht alle zwei Monate 10 000 Liter Heizöl.“ Auch wenn das Schloss während der Sanierung für Besucher nicht zugänglich ist: Der riesige Park mit seinen idyllischen Winkeln lohnt allein schon die Fahrt nach Herrnsheim.

Die Grablege der Familie

Ein Besuch, der ohne die Besichtigung der in direkter Nachbarschaft des Schlosses gelegenen katholischen Pfarrkirche St. Peter unvollständig bleibt. Hier, in einer der schönsten Dorfkirchen Rheinhessens, haben die Herrnsheimer Dalberger ihre Grablege: Von Burggründer Philipp bis zu Emmerich Joseph, dem Letzten des Familienzweigs, erinnern Grabplatten, Büsten und Gedenksteine an die Angehörigen des Adelsgeschlechts.

Die Inschrift auf der Marmorbüste für Emmerich Joseph ist zugleich ein Nachruf auf die Herrnsheimer Dalberger: „Hier liegt bei seinen Ahnen Emmerich, Kämmerer von Worms, Herzog von Dalberg, Letzter des Herrnsheimer Stammes, Mann von glänzendem Beispiel, der auf sich häufte das Lob seltenen Geistes, getragen von Religion, Milde und jeglicher Tugend. Er starb im Alter von 59 Jahren, 10 Monaten, 27 Tagen am 27. April 1833, gekreuzigt von unsäglichen Leiden des Körpers, aber in großem Starkmut des Geistes, sanft und gottergeben.“

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