Zeitreise

Das Zuhause des „Alten“

Archivartikel

Das private Heim des ersten Bundeskanzlers Konrad Adenauer (1876-1967) in Rhöndorf bei Bonn ist Spiegel des Lebens dieser Jahrhundertgestalt. Aber das Gebäude war auch Schauplatz historischer Weichenstellungen für die Entwicklung der Bundesrepublik.

Es ist der 28. November 2003. Das ZDF sendet eine Live-Show mit einer Umfrage: Wer ist der/die größte Deutsche? Am Ende wird es nicht Luther, nicht Goethe, nicht Bach. Nein, das Bild des Siegers, das der unvermeidliche Johannes B. Kerner den Zuschauern präsentiert, zeigt ein falten-, ja furchenreiches Gesicht: jenes von Konrad Adenauer, 1949 bis 1963 erster Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland.

Auch knapp ein halbes Jahrhundert nach Ende seines Wirkens ist sein Ansehen ungebrochen. Die Marksteine, die er in seiner 14-jährigen Amtszeit setzt – soziale Marktwirtschaft, Westbindung sowie die Freundschaft zu Israel – sind noch heute Eckpunkte der bundesdeutschen Staatsräson. Nach keinem anderen Politiker sind bei uns so viele Schulen, Straßen und Brücken benannt wie nach ihm. Und dennoch kommt man ihm authentisch vor allem an einem Ort nahe: seinem Wohnhaus in Rhöndorf bei Bonn.

Denn es ist Spiegelbild seines Lebens. Seit 1917 Oberbürgermeister von Köln, wird er, damals Mitglied der katholischen Zentrumspartei, von den Nazis 1933 aus dem Amt gejagt. Um dem Hass seiner Gegner zu entgehen, die ihn mit Parolen wie „An die Mauer – Adenauer!“ traktieren, will er der Großstadt entfliehen, sich aufs Land zurückziehen.

Rückzug in der Nazizeit

Mit der Pension, die man ihm zunächst streitig macht, erwirbt er ein Grundstück am Westhang des Siebengebirges in Rhöndorf. Die Gegend kennt er seit seiner Kindheit von Spaziergängen mit dem Vater. An einem aufgelassenen Wingert, dem „Faulen Berg“, lässt er ein bescheidenes Haus errichten. Kurz vor Weihnachten 1937 zieht er ein.

Hier überlebt er die NS-Zeit in einer Art innerer Emigration; denn Widerstandskämpfer ist Adenauer nie, auch wenn er nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 verhaftet wird – ebenso wie seine Frau Auguste; an den Spätfolgen ihrer Gestapo-Haft stirbt sie 1948.

Ab dem Tode der geliebten „Gussie“ wohnt Adenauer hier alleine. Nun wird das Haus ein historischer Ort für die Bundesrepublik, deren Grundgesetz am 23. Mai 1949 verkündet wird. Folgenreich ist der 21. August 1949, der als „Rhöndorfer Konferenz“ in die Geschichte eingeht. Als Chef der neugegründeten CDU versammelt Adenauer hier 22 Spitzenvertreter seiner Partei, um das Resultat der ersten Bundestagswahl eine Woche zuvor zu beraten.

Es ist ein heißer Tag. Adenauer lässt dennoch schweres Essen servieren und schwere Rotweine – „ausgeschenkt von seinen hübschen Töchtern, die darauf achten, dass die Gläser niemals leer sind“, berichtet Museumspädagogin Claudia Waibel. Später folgen dicke Torten aus dem örtlichen Café Profittlich. So sind die Gäste eigentlich schon k. o., bevor die Beratungen beginnen, erinnert sich dereinst der spätere CSU-Chef Franz Josef Strauß.

Mit dieser geschickten Regie hat Adenauer die Weichen gestellt, als nach der Völlerei das Thema ansteht, wer den Kanzler machen soll. Ob Adenauer sich selbst ins Gespräch bringt und aus Anerkennung für den Gastgeber niemand widerspricht oder ob aus gleichem Grund einer der Teilnehmer ihn vorschlägt – die Quellen sind nicht eindeutig. Fest steht nur: Der Presse wird verkündet, dass Adenauer antritt. Am 15. September 1949 wird er, bereits 73 Jahre alt, im Bundestag zum Kanzler gewählt – mit einer Stimme Mehrheit, seiner eigenen. Und er bleibt es 14 lange Jahre. In dieser Zeit wohnt er nicht im dafür vorgesehenen Bonner Palais Schaumburg. Vielmehr pendelt er täglich, setzt zwischen Dollendorf und Godesberg mit der Fähre über den Rhein.

Oft besucht er den Gottesdienst in der Kirche St. Mariä Heimsuchung. Eine solche sind selbst hier die Autogrammjäger. Als der Pfarrer von einem gefragt wird, wann Adenauer in der Kirche ist, entgegnet der Geistliche: „Ich weiß nur eines bestimmt: Dass Gott immer hier ist.“

Ort wichtiger Gespräche

Zwei Mal ist der französische Staatschef Charles de Gaulle im Haus zu Gast. Durch den persönlichen Rahmen unterstreicht Adenauer sein Herzensanliegen: die deutsch-französische Verständigung. Im Vorfeld richtet Haushälterin Resi Schlief das Alltagsgeschirr. Als der persönliche Referent dies sieht, ist er empört und ordnet an, Festtagsbesteck aufzulegen. Adenauer selbst jedoch macht diese Anordnung wieder rückgängig, denn: „Es kommt kein Staatsmann, sondern ein Freund!“

1963 tritt er mit 87 Jahren verbittert ab und zieht sich nach Rhöndorf zurück. Viele drängen ihn, seine Memoiren zu schreiben. „Nur, wenn ich für diese Arbeit einen eigenen Arbeitsplatz erhalte“, erwidert er seiner Sekretärin. 1964 wird unweit des Wohnhauses ein Pavillon errichtet.

Der Schreibtisch ist zunächst mit Blick zur Rheinebene platziert. Doch Adenauer merkt bald, dass er durch diesen wunderbaren Ausblick nur abgelenkt wird. Also wird der Tisch gedreht. Hier verfasst er nun die ersten drei Bände seiner Erinnerungen; der vierte und letzte Band jedoch ist lediglich als Fragment erhalten.

Denn am 19. April 1967 verstirbt Adenauer in seinem Schlafzimmer. Als die Tochter am Sterbebett in Tränen ausbricht, tröstet er sie mit den kölschen Worten „Da jitt et nix ze kriesche“ – kein Grund zum Weinen. Und er weist mit seinem Finger zitternd auf das Altbarbild über seinem Bett; es zeigt den sterbenden Jesus, wie er von Gottvater mit ausgebreiteten Armen empfangen wird.

Es folgt das größte Staatsbegräbnis der deutschen Geschichte. Die Trauerfeier findet im Kölner Dom statt – eine Versammlung von Staatsmännern, die es so nie wieder gibt, allen voran US-Präsident Lyndon B. Johnson. Zehntausende säumen das Rheinufer, als der Sarg von der Bundesmarine überführt wird. Im Familiengrab hoch über Rhöndorf wird Adenauer beigesetzt.

Auch danach bleibt das Interesse der Menschen ungebrochen. Viele machen sich auf nach Rhöndorf, um sein Haus zu besichtigen, was zunächst nicht möglich ist. Um es der Bevölkerung zugänglich zu machen, übergeben die Erben das Areal noch im selben Jahr dem Staat. 1975 wird am Fuße des Berges ein Besucherzentrum errichtet, das immer wieder aktualisiert wird, zuletzt 2017 anlässlich von Adenauers 50. Todestag.

Doch die eigentliche Attraktion ist natürlich der authentische Ort: das Wohnhaus. Exakt 59 Stufen, die Adenauer selbst in hohem Alter geht, führen hinauf. Dem Besucher eröffnet sich ein einzigartiger Blick ins Rheintal, auch wenn er durch Neubauten inzwischen eingeschränkter ist als bei Entstehung des Hauses.

Telefon im Flur

Im Flur bilden zwei schwarze Telefonapparate den Blickfang; jener mit einem roten Knopf führte direkt ins Kanzleramt – heute, da seine Nachfolgerin Angela Merkel von der Regierungsbank aus per SMS kommuniziert, unvorstellbar, dass ein Regierungschef in den Flur seines Hauses gehen muss, um zu telefonieren.

Das Interieur ist seit Adenauers Tod unverändert geblieben: Man hat den Eindruck, als sei er gerade erst rausgegangen. Die Standuhr, die er einst jeden Morgen selbst aufgezogen hat, tickt noch. Die Einrichtung ist gediegen, in Biedermeierstil, die Gemälde an den Wänden holländische Meister des 16. und 17. Jahrhunderts. Auf den Kommoden Gastgeschenke: ein Kreuz von Papst Paul VI. und eine Thora-Rolle von Nahum Goldmann, dem Präsidenten des Jüdischen Weltkongresses, mit dem er die Wiedergutmachung für die Opfer des Holocaust verhandelt hatte.

Nach Süden schließt sich das Esszimmer an, in dem er mit de Gaulle gespeist hat, und die „Kajütte“ – eine Terrasse, die später überdacht wurde. Hier pflegte der Alte zu frühstücken – Tee mit Zwieback. Im ersten Obergeschoss befindet sich Adenauers Sterbezimmer, für Besucher daher tabu. Nur von außen kann man einen Blick hinein werfen.

Rosen und Boccia

Außen – das ist der Garten, der Adenauer immer wichtig ist. Vor allem die Rosen, die er so liebt, entgegen einer unausrottbaren Legende aber nicht züchtet. „Allesamt stark duftende Hochstammrosen“, erläutert Claudia Waibel. Die Vielfalt der Pflanzen, Plastiken und Brunnen erinnert nicht zufällig an Italien; am Comer See, in Cadenabbia, verbringt Adenauer regelmäßig seinen Urlaub. Hier lernt er auch das Boccia-Spiel kennen. Es fasziniert ihn derart, dass er neben dem Wohnhaus 1957 eine Boccia-Bahn anlegen lässt – samt kleiner Flutlichtanlage.

Ihr schließt sich besagter Pavillon an. Der Blick durch seine Fenster offenbart signierte Fotos von General de Gaulle oder dem britischen Premierminister Winston Churchill.

Bis zu 600 Besucher sind täglich hier zu Gast. Einmal im Jahr jedoch gehört das Haus nur der Familie, und die ist riesig: Den beiden Ehen Adenauers entstammen immerhin sieben Kinder, 24 Enkel, jede Menge Ur- und Ur-Ur-Enkel. So treffen sich hier jeweils am zweiten Weihnachtsfeiertag vier Generationen.