Zeitreise

Der Motorrad-Mann

Fritz Röth hat auch während des steilen Niedergangs der Branche immer an das Motorrad geglaubt. Durch seine Pionierarbeit mit japanischen Marken hat er zum Wiederaufstieg beigetragen.

Fritz Röth aus Hammelbach im Odenwald hat Geschichte geschrieben. Denn als die Wirtschaftswunderbürger massenweise vom Motorrad ins Auto umsteigen und die deutschen Hersteller fast alle kollabieren, setzt er weiter auf das Motorrad und trägt zu dessen überraschender Renaissance bei. Er sieht sich auf dem schwindenden Markt um, entdeckt Honda und wird Anfang der 1960er Jahre zu einem der ersten Händler der japanischen Marke in Deutschland.

Es ist eine deprimierende Zeit für einen Motorradenthusiasten wie Fritz Röth: Zwischen Mitte der 1950er und Mitte der 1960er Jahre stürzt die Zahl der zugelassenen Maschinen von 2,2 Millionen auf 415 000 ab. Und dann gibt auch NSU auf, die Marke, auf die schon sein Vater als Vertragshändler gesetzt hat: "Da ist für mich eine Welt zusammengebrochen."

Erfolgreich im Geländesport

Schon der kleine Fritz verehrt Motorräder abgöttisch. Wenn eins vorbeidonnert, erlaubt ihm der Lehrer, den Schulsaal zu verlassen, mit der Mahnung: "Fritz, aber kumm glei widder." Da passt es gut, dass im 1873 gegründeten elterlichen Geschäft neben vielem anderen auch Motorräder verkauft und gewartet werden. Fritz Röth engagiert sich zudem acht Jahre lang im Geländeport, heimst mit seiner NSU Max einige Lorbeeren ein, unter anderem einen hessischen Meistertitel.

Hart trifft ihn der Niedergang der Branche: "Das Motorrad war nicht mehr aktuell. Die anderen Händler sind alle weg, weil die Lage so miserabel war. Aber ich bin wegen meines großen Interesses dabei geblieben." Mit Honda startet er in eine neue Welt. Denn das sind keine Arbeitspferde mehr, sondern trendige Spaßgeräte mit flottem Design und hochwertiger Technik. Ein berühmter Werbeslogan bringt das zum Ausdruck: "Du triffst die nettesten Leute auf einer Honda".

Im Werk abgeholt

Als es immer mehr Honda-Händler gibt, setzt Fritz Röth auf eine italienische Marke: Moto Guzzi. Das Leben eines Generalimporteurs kann aber auch sehr anstrengend sein. Wenn bestellte Motorräder oder Ersatzteile nicht beikommen, setzt sich Fritz Röth in seinen Transporter und holt das Gewünschte persönlich am Comer See ab, oft direkt von den Montagebändern. Einfach ist das Importeursdasein ohnehin nicht. Es bedeutet auch, ein Händlernetz aufzubauen und zu betreuen sowie für ein gut bestücktes Ersatzteillager zu sorgen.

Mit einem Moto Guzzi-Gespann vollführt Röth 1967 sein wohl bekanntestes Husarenstück: Er beteiligt sich an der Wettfahrt Hamburg-Wien, rund 1300 Kilometer in 12 Stunden und 25 Minuten. Der Schnellzug braucht zwei Stunden länger.

Als der Besitzer von Moto Guzzi wechselt, verliert Fritz Röth 1973 seinen Importeursvertrag. Das bedauert er zwar, aber seine Existenz ist keineswegs bedroht. Denn bereits seit 1971 arbeitet er als Generalimporteur einer wesentlich größeren Marke: für Suzuki. "Das war eine gewaltige Nummer", erinnert sich der 78-Jährige. Und abenteuerlich: mit dem Billigflieger nach Asien, Verhandlungen mit den Vertretern einer Weltmarke. Bis zu 250 Händler betreut Fritz Röth. Auch Hammelbach erlebt eine kleine Kulturrevolution. Japaner reisen oft in den relativ abgelegenen Ort, ebenso die Rennteams des Werks mit Fahrern und Mechanikern.

Im Frühjahr 1975 kommt der spätere zweifache Weltmeister Barry Sheene nach Hammbelbach. Der schnelle Brite will beim Großen Preis von Deutschland in Hockenheim starten. Doch Rennleiter Wilhelm Hertz hat wegen der Verletzungen, die Sheene wenige Wochen zuvor bei einem Sturz mit Tempo 250 erlitten hat, abgelehnt: "Der kann doch nicht laufen."

Attest ermöglicht Start

Röth weiß Rat: In Sheenes Rolls Royce fahren sie zum Hausarzt des Hammelbachers. Der lässt den Briten Kniebeugen machen, was er hinkriegt. Da ihm Sheene den Rücken zudreht, sieht der Mediziner allerdings nicht dessen schmerzverzerrtes Gesicht. Dank des Attests darf Sheene starten. Ein Bild des 2003 verstorbenen Playboys und Superstars hängt im Museum, natürlich mit Autogramm. Auch andere Weltmeister wie Dieter Braun und Ernst Degner gehen ein und aus.

Den Sport fördert Röth, wo er nur kann: "Wir haben unbekannte Fahrer bekannt gemacht. Wo es gebrummt hat, waren wir dabei." Hammelbach entwickelt sich mehr und mehr zum Mekka der Motorradfahrer.

Doch dann wird der Platz knapp, und die Japaner wollen einen Standort in Flugplatznähe. Der Kompromiss: Fritz Röth baut 1976 in Heppenheim an der Bergstraße eine neue Suzuki-Zentrale auf. Schon ein Jahr später ist Schluss: Röth steigt aus. "Ich habe aufgehört, weil ich meine Unabhängigkeit bewahren wollte. Und die hatten eine andere Strategie. Es war aber eine Trennung in Freundschaft. Die haben gewusst, was wir für sie gemacht haben." Röth importiert dann Motorräder der bekannten italienischen Marke Ducati. Er ist hier zwar nicht der Erste, "aber ich war der Erste, der es richtig gemacht hat".

Als Importeur vertreibt Röth auch die Maschinen der tschechischen Marke Jawa, ebenso Simson und MZ aus der DDR, Roller aus Taiwan, kleine Motorräder aus Indien und viele andere mehr, insgesamt 42 Marken und manchmal fünf bis sechs gleichzeitig. Zuletzt schließlich, von 2005 bis 2010, bringt er Motorräder der Marke Zongshen von China nach Deutschland. Dann ist Schluss. Warum?

100 000 Maschinen verkauft

Es hat auch etwas mit den technischen Mängeln der chinesischen Motorräder zu tun. Der Hauptgrund aber ist ein anderer: "Viele Hersteller haben nationale Niederlassungen mit eigenen Leuten gegründet. Das ist der wesentliche Grund, weshalb ich aufgehört habe. Mir ist es schwergefallen, aber die schöne Zeit existiert nicht mehr. Heute ist das alles so steril, das würde mir keinen Spaß mehr machen."

Insgesamt rund 100 000 Motorräder, Mopeds und Roller dürfte Fritz Röth über die Jahrzehnte verkauft haben. Sein wichtigstes Geschäftsprinzip: "Wenn die Kunden zufrieden sind, kommt alles andere von allein."

Ganz aufgehört hat er allerdings nicht, vertreibt Ladestationen für Pedelecs. Und pflegt sein Museum, in dem rund 50 Motorräder stehen. Welches ist sein Liebling? "Ich habe sie alle gern", erwidert Fritz Röth. Dann deutet er auf ein Moto-Guzzi-Gespann von 1934, das er wie die meisten Fahrzeuge im Museum mit einer Geschichte verbinden kann. "Das ist ein Goldstück", meint er und erzählt, wie er das Fahrzeug vor vielen Jahren in der Nähe von Genua einem betagten Italiener abgekauft hat: "Das Gespann hat ihn sein ganzes Leben über begleitet. Es ist noch eine Runde damit gefahren, schloss sich dann ein, und seine Frau erledigte das Geschäftliche."

Fritz Röth öffnet die Tür zu einer fast leeren Halle. Es riecht nach Reifengummi, nach Öl und Benzin, nach Motorrad eben. "Früher war hier mehr los", meint der 78-Jährige. "Da haben Teile im Wert von 2 Millionen gelegen." Genug Platz, um sein Museum zu erweitern. An Motorrädern und anderen Exponaten herrscht kein Mangel. "Und das macht mir immer noch Spaß."

Versonnen blickt er sich in der Halle um und räsoniert: "Ich habe mich nie als Pionier gesehen, ich habe einfach immer Motorräder geliebt."