Zeitreise

Die Herberge der Gerechtigkeit

Archivartikel

Auf der stark befestigten Ebernburg über der Nahe bietet der Ritter Franz von Sickingen verfolgten Reformatoren Schutz. Doch nach seinem Tod wird sie im Juni 1523 von einer Fürstenkoalition zerstört.

Die Ebernburg zählt zu den wichtigsten Stätten des Protestantismus in Deutschland, obwohl Martin Luther sie nie betreten hat. Dafür aber andere Reformatoren wie Johann Schwebel, Caspar Aquila, Johannes Oecolombad und Martin Bucer. Zudem soll im Juni 1522 in der Burgkapelle die erste protestantische Predigt Süddeutschlands gehalten worden sein. Und Luther hätte ebenfalls die Möglichkeit gehabt, auf die Ebernburg zu kommen. Denn Franz von Sickingen bietet auch ihm Schutz an. Doch die vor dem Wormser Reichstag von 1521 erfolgte Einladung lehnt der Reformator ab.

Als Ideengeber des Ritters gilt Ulrich von Hutten, der Humanist und Todfeind der Papstkirche. Auch er findet Zuflucht auf der Ebernburg, die er als „Herberge der Gerechtigkeit“ bezeichnet. Der päpstliche Nuntius Alexander beschreibt Hutten, der einer fränkischen Ritterfamilie angehört, auf wenig christliche Weise: „ein ruchloser Schurke, dieser elende Bösewicht und Mörder, dieser lasterhafte Lump und arme Schlucker“.

Eine chaotische Zeit

Eine Epoche des Umbruchs, eine chaotische Zeit. Und Huttens Stand, der des niederen Adels, befindet sich im Niedergang, zerrieben zwischen reichen Städten und immer mächtiger werdenden Fürsten. Hutten fordert in seinen Schriften eine Reform von Kirche und Reich, eine Beseitigung der Fürsten. Franz von Sickingen, der einem Kraichgauer Niederadelsgeschlecht entstammt, hat die Mittel und die Macht, Hutten und die Reformatoren zu beschützen. Dem mächtigsten Ritter in Deutschland scheint alles zu gelingen, geschickt als Bergbauunternehmer, erfolgreich als Söldnerführer in seinen Fehden, Kreditgeber des Kaisers.

Doch bis auf den heutigen Tag ist seine Person umstritten: skrupelloser Raubritter oder Adliger mit Idealen, der sich selbstlos für die Reformation einsetzt? Sickingens Selbstüberschätzung verleitet ihn im September 1522 zu einer Fehde gegen den Erzbischof von Trier. Die Belagerung der Stadt scheitert, und im April 1523 erfolgt der Gegenschlag: Drei Kurfürsten – der Pfalzgraf bei Rhein, der Landgraf von Hessen und der Erzbischof von Trier – belagern Burg Nanstein bei Landstuhl, wobei Sickingen verletzt wird und am 7. Mai stirbt. Hutten flieht in die Schweiz, wo er im August mit 35 Jahren der Syphilis erliegt.

Ende Mai ziehen die drei Fürsten mit ihrem Heer vor die als uneinnehmbar geltende Ebernburg. Ihre Eroberung hat hohen symbolischen Wert: Hier wurde Sickingen 1481 geboren, hier hat er seinen Familiensitz. Kommandant Schenk von Tautenberg gibt sich kämpferisch, beleidigt den Erzbischof von Trier: Der soll heimgehen und seine Fladen (Hostien) weihen.

Doch den großen Worten folgen keine großen Taten. Die Verteidiger stören die Angriffsvorbereitungen der Belagerer zu deren Verwunderung mit keinem Schuss. Die dagegen nehmen die Burg mehrere Tage lang mit schweren Geschützen, die klingende Namen wie „pfälzischer Leu“ oder „böse Else“ tragen, unter Feuer.

Während der Belagerung soll es der Legende nach zu einem kuriosen Vorfall gekommen sein. Landsknechte fordern den Reformator Caspar Aquila auf, eine feindliche Kanonenkugel zu taufen, weil sie glauben, dass dadurch die Burg uneinnehmbar wird. Als sich der Prediger weigert, die gotteslästerliche Handlung vorzunehmen, stecken sie ihn kopfüber in ein großes Geschütz. Doch zweimal zündet das Pulver nicht. Ein Hauptmann entdeckt die Beine im Kanonenrohr und befiehlt, den Prediger herauszuziehen. Der brüllt dann trotzig: „Und ich will sie dennoch nicht taufen.“ Am 6. Juni kapituliert der Kommandant gegen freien Abzug.

„Wenig Gegenwehr“

Stefan Köhl, Vorsitzender der Landesgruppe Rheinland-Pfalz der Deutschen Burgenvereinigung und Kenner der Ebernburg, erläutert die Hintergründe: „Es gab wenig Gegenwehr. Die Verteidiger wollten die Angreifer nicht verärgern. Andererseits gab es einen Ehrenkodex: Wenn Tautenberg beim ersten Schuss die weiße Fahne gehisst hätte, hätte er nie wieder einen Job als Burgkommandant bekommen. Dabei zeigt die Bauforschung, dass die Burg gar nicht stark zerstört war.“

Schreiber der drei Kurfürsten erstellen ein genaues Inventar sämtlicher Gegenstände, vom schweren Geschütz über Silbergeschirr und Betten bis zu „allerlei Gerümpel“. Die Sieger teilen die Beute unter sich auf, dann geben sie Befehl, die Burg in Brand zu stecken. In einem Brief schreibt Landgraf Philipp von Hessen einen kurzen Nachruf: „Ist ein gut, fest, rühmlich und gut gebaut Haus gewesen.“

So endet die Geschichte der Ebernburg – vorerst. Begonnen hat sie Mitte des 14. Jahrhunderts, als die Grafen von Sponheim und die Raugrafen von Altenbaumburg hier erstmals eine Wehranlage errichten. 1448 sitzen die Vorfahren Franz von Sickingens auf der Burg, die ihnen 1482 ganz gehört. Auch Franz arbeitet weiter an der Umgestaltung zu einem von massiven Festungsanlagen umgebenen Schloss. Letztendlich helfen die dicken Mauern und die vielen Schießscharten nichts.

Erst 1542 erhalten die Söhne Sickingens die Erlaubnis zum Wiederaufbau. Es entsteht ein stark befestigtes Renaissanceschloss. Doch solche Festungen ziehen wegen ihrer strategischen Bedeutung die Feinde an. 1684 besetzen französische Truppen die Ebernburg und verstärken die Verteidigungsanlagen. Die erste Belagerung durch deutsche Truppen scheitert 1692 nach schwerer Beschießung und kurz vor dem Sturmangriff, weil ein Entsatzheer naht. Doch 1697 kommt keine Hilfe: Die 460 Köpfe zählende Besatzung ergibt sich nach heftigem Beschuss dem Markgrafen Ludwig Wilhelm von Baden, der mit sage und schreibe 30 000 Mann angerückt ist. Ein Passus im Friedensvertrag, der den verhängnisvollen Pfälzischen Erbfolgekrieg beendet, betrifft auch die Ebernburg: Sie muss zerstört werden, was 1698 durch Sprengungen gründlich geschieht.

Florierende Gaststätte

Die Ruine dient als Steinbruch, bis die Familie Günther 1840 den touristischen Wert der berühmten Burg erkennt, einen Neubau errichtet und darin eine florierende Gaststätte etabliert. 1914 erfolgt die Gründung der Ebernburg-Stiftung. Sie übernimmt die Anlage mit dem Ziel, diese zu erhalten und eine geeignete Nutzung zu finden.

Doch die Burg erlebt nochmals kriegerische Ereignisse. 1945, so Stefan Köhl, ist hier eine Flakschule untergebracht. Rundum stehen Flugabwehrgeschütze, die die Bahnlinie schützen sollen. Als amerikanische Panzer im März 1945 in den Ort rollen, geraten sie unter Beschuss und antworten mit ihren Geschützen. Die Burg wird getroffen, erleidet Schäden. Danach kommen die Plünderer. Stefan Köhl: „Die Burg war der Abenteuerspielplatz der Dorfjugend: Eine Feldküche der Wehrmacht, ein Klavier, ein Flakgeschütz, Munition, Waffen und Gerümpel sowie Exponate aus dem früheren Museum landeten im Brunnen.“ 2014 wird alles herausgeholt.

Unpassende Neubauten

Die Stiftung zeigt sich mit der Beseitigung der massiven Schäden überfordert, und 1950 wird der Ebernburg-Verein gegründet. Er pachtet die Ruine von der Stiftung und macht sie zu einem Mittelpunkt evangelisch-kirchlicher Arbeit. Zwischen 1954 und 1971 errichtet der Verein Neubauten, die leider wenig Rücksicht auf die historische Bausubstanz nehmen. Spätere Projekte sind dagegen gelungen, so dass die Ebernburg zumindest aus der Entfernung wie eine Festung der Renaissance wirkt. Aus der Zeit der Sickinger haben sich Umfassungsmauern, die Reste der mächtigen Geschütztürme und der Brunnen erhalten.

Der Ebernburg-Verein betreibt auf der Burg eine evangelische Familienferien- und Bildungsstätte. Ihm gehören drei evangelische Landeskirchen an: Pfalz, Rheinland und Hessen-Nassau. Aber jeder kann hier seine Ferien verbringen. Franz von Sickingen wäre mit dieser Nutzung wohl einverstanden, die Reformatoren, die in der „Herberge der Gerechtigkeit“ Schutz gefunden haben, ohnehin.