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Der Wormser Dom feiert in diesem Jahr seinen 1000. Geburtstag. Hier wurde ein Papst gekürt. Auch nahm der größte politische Konflikt des Mittelalters an diesem Schauplatz seinen Ausgang – und sein Ende.

Es war ganz offensichtlich eine günstige Gelegenheit, sich den lieben Gott gewogen zu machen. Kaiser Heinrich II. war auf dem Weg zu einem Feldzug in Burgund und hielt unterwegs auch Hof in Worms. Unübersehbar stand da schon die große Kathedrale auf dem höchsten Hügel der Stadt. Der Bau lag in den letzten Zügen. Deshalb veranlasste Heinrich die Weihe des Doms am darauffolgenden Tag. Über Nacht musste die Baustelle geräumt und gesäubert werden, heißt es im Lebensbericht von Bischof Burchard, dem Initiator des Dombaus. Am 9. Juni 1018 wurde der Dom mit einem festlichen Gottesdienst geweiht.

Ob die überstürzte Weihe für das Wormser Gotteshaus zu früh kam, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen. Der Dombau sei wohl fast vollendet gewesen, sagt der heutige Dompropst Tobias Schäfer. Gleichwohl stürzte zumindest der Westchor des Gotteshauses zwei Jahre später wieder ein. Offenbar litt der Bau an zahlreichen Mängeln und an einem instabilen Untergrund, sodass er im Laufe der nächsten anderthalb Jahrhunderte komplett neu aufgebaut wurde – in der Gestalt, in der wir ihn heute kennen. Im Jahr 1181 wurde dieser Dom geweiht. Weshalb Historiker zuweilen dieses Datum als Geburtsstunde des Wormser Kaiserdoms werten.

Das hindert die Wormser jedoch nicht daran, in diesem Jahr den 1000. Geburtstag ihres Domes zu feiern. Eine Festwoche gibt es zu diesem Anlass im Juni (siehe Infobox). Außerdem bekommt die Kathedrale fünf neue Glocken als Geburtstagsgeschenk des Dombauvereins.

Nach dem Willigis-Dom in Mainz, geweiht 975, sei das Wormser Gotteshaus das zweite in der Reihe der drei Kaiserdome am Rhein, sagt Tobias Schäfer. Der Speyerer Dom sei zweifellos der jüngste, erstmals geweiht 1061.

Löß-Terrasse als Untergrund

Es war wohl weniger eine Frage baumeisterlicher Fertigkeiten, sondern eher des Fundaments, warum der Dom im Laufe der Jahrhunderte immer wieder saniert werden musste. „Der Dom steht auf einer Löß-Terrasse“, nennt Schäfer als größtes Problem. Dieser weiche Boden sorgte dafür, dass das mächtige und schwere Gebäude immer wieder absackte. Der Standort war jedoch von zentraler Bedeutung und ist – auch mit Blick auf die Stadtgeschichte – ein im Wortsinne herausragender Platz. Die Römer hatten hier schon ihr Forum Romanum aufgebaut. Und archäologische Ausgrabungen haben ergeben, dass es vor dem Dom an dieser Stelle schon um 600 eine Kirche von stattlichen Ausmaßen gegeben haben muss. Ab dieser Zeit gibt es auch eine historisch gesicherte Liste der Bischöfe von Worms, die 1802 mit der Auflösung des Bistums Worms endet.

Gleichwohl ist der Wormser Dom eng mit bedeutendsten Ereignissen der Geschichte verbunden. Dabei „verpasste“ der erste deutsche Papst Gregor V. den Dombau nur knapp. Als Bruno wurde er in Worms ausgebildet und war schließlich 996 in Rom zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Johannes XV. war gestorben, Kaiser Otto III. setzte seinen Verwandten als Papst ein.

Ein zweiter Papst wurde im Wormser Dom ernannt: Leo IX. war allerdings kein Eigengewächs. Vielmehr hatte Kaiser Heinrich III. während seines Hoftags die Nachricht vom Tode des Papstes erhalten. Umgehend kürte er seinen Vetter zweiten Grades, Bruno von Egisheim, Bischof von Toul.

Auch der Investiturstreit, der zentrale politische Konflikt des Mittelalters um die Einsetzung geistlicher Führer durch weltliche Herrscher, hat seinen Ausgang und sein Ende in Worms und dem Kaiserdom genommen. Auf einer Reichssynode, die in der Stadt abgehalten wurde, schrieb Heinrich IV. im Jahr 1076 den folgenschweren Brief, der den Streit mit der Kurie eskalieren ließ. Er kündigte dem Papst die Gefolgschaft der Bischöfe und forderte Gregor VII. zur Abdankung auf. Dieser wiederum exkommunizierte den Kaiser – ein ungeheuerlicher Akt, der die politische Ordnung des Reiches erschütterte. Heinrichs Bußgang nach Canossa folgte im Jahr darauf. Der Frieden wurde aber erst 1122 im Wormser Konkordat hergestellt, in dem der Kaiser das Recht der Kirche auf Benennung ihrer Bischöfe akzeptierte.

Den Dom zumindest von außen gesehen hat auch Martin Luther, der 1521 auf dem Reichstag zu Worms seinen Lehren abschwören sollte. Im Gotteshaus war er wohl nicht. Erstens war es ihm wegen seines Banns nicht erlaubt. Und zweitens hätte er, der in Worms wie ein Popstar gefeiert wurde, sich kaum heimlich in der überfüllten Stadt in den Dom schleichen können.

Das Bistum Worms hat nie wirtschaftliche Macht besessen. Wohl genossen die Würdenträger im Mittelalter hohes politisches Ansehen. Allerdings haben sie nie eine solide finanzielle Basis schaffen können. Der pfälzische Erbfolgekrieg und die damit einhergehende Zerstörung von Stadt und Dom zeigten ihre Wirkung. Das Bistum verlor an Bedeutung, wurde von benachbarten Bistümern mitverwaltet und 1802 ganz aufgelöst. Der Dom war fortan nur noch Pfarrkirche.

Kreuzgang als Baumaterial

In der lutherischen Stadt waren die Katholiken in der Minderheit, konnten kaum das Geld aufbringen, um das Gebäude zu erhalten. In der Not wurde in den 1830er Jahren der Kreuzgang abgerissen, um die Steine als Baumaterial zu verkaufen und Geld für die Sanierung zu besorgen. Die Verzweiflungstat legte den Grundstock für die Domerhaltung in der Neuzeit, zumal der Westchor erneut als akut einsturzgefährdet galt. Dennoch dauerte es bis in die 1880-er Jahre, bis die erste umfassende Sanierung der Neuzeit startete.

Schon 1856 gründete sich ein Dombauverein. Im Kulturkampf hatte dieser einen schweren Stand, warben die Protestanten doch um Geld für ein großes Lutherdenkmal in der Stadt und spannten den Katholiken die Sponsoren aus. Erst Ende des Jahrhunderts wurde der Dom wieder als nationales Denkmal entdeckt, so dass sich auch der hessische Staat an den Rettungsmaßnahmen beteiligte. Der Westchor wurde abgetragen, ein neues Fundament gelegt und Stein für Stein mit dem originalen Material wieder aufgebaut. „Für die damaligen Verhältnisse war das eine Pionierleistung“, urteilt Dompropst Schäfer. Die große Domsanierung dauerte bis in die 1920er Jahre.

Aus dieser Zeit stammt auch der Dackel, der am Südportal aus halber Höhe herabblickt. Das Tier soll Dombaumeister Philipp Brand mit einem Biss ins Bein das Leben gerettet haben. Brand sprang zur Seite, gerade rechtzeitig, bevor ein Stein herabstürzte. Der Dackel wurde zum Dank in der Fassade verewigt.