Zeitreise

Ende in Rauch und Flammen

Der Drachenfels bei Busenberg zählt zu den spektakulärsten Ruinen in der burgenreichen Westpfalz. Rund 300 Jahre währt seine turbulente Geschichte. Dann lässt ihn eine Fürstenkoalition im Mai 1523 zerstören.

Der Feind kommt überraschend: Eine kleine Armee marschiert am 10. Mai 1523 vor Burg Drachenfels auf, Fußtruppen, 300 Reiter, Geschütze. Dieser Streitmacht stehen der Verwalter und acht Knechte als Verteidiger gegenüber, die Ritter sind alle abwesend. Nach kurzen Verhandlungen wird die Burg übergeben, am folgenden Tag ausgeplündert und zerstört. Das Verbot des Wiederaufbaus greift: Drachenfels bleibt Ruine und dient als Steinbruch.

Erstmals erwähnt wird die Burg, die im Besitz der Abtei Klingenmünster ist, um 1245. Die ältere Literatur nennt zwar eine auf 1209 datierte Urkunde. Doch die darin vorkommenden Brüder Konrad und Wilhelm von Drachenfels stehen im Zusammenhang mit der gleichnamigen Burg am Rhein bei Bonn.

Die erste Zerstörung

Angenehme Nachbarn sind die Drachenfelser eher nicht. Jahrelang streiten sie sich mit der Abtei Weißenburg über die Nutzung des Flüsschens Lauter für Flößerei und Fischfang. 1335 legen sich die Ritter mit Straßburg an, was ihnen schlecht bekommt. Denn die mächtige Reichsstadt schickt ein Truppenkontingent, das die Burg einnimmt und zumindest teilweise zerstört. Raubritterei lautet der Vorwurf. Scheinbar erholen sich die Drachenfelser nicht mehr von diesem Schlag und verkaufen 1344 Burg und umliegende Besitzungen an den Grafen Walram von Zweibrücken.

Bald sitzen die Eckbrechte von Dürkheim (aus dem heutigen Bad Dürkheim) auf der Burg, deren Geschicke sie über etliche Jahrhunderte bestimmen sollen. Um 1400 gehört der Familie der ganze Drachenfels, und sie nimmt erste Anteilseigner, so genannte Ganerben, auf, vielleicht weil sie allein die Erhaltung der großen Anlage nicht stemmen kann. 1427 kommt es erneut zu Streitigkeiten mit der Abtei Weißenburg über die Nutzung der Lauter. Die Burgbewohner nehmen mehrere Weißenburger Bürger beim Flößen gefangen und setzen sie fest. Der Abt beklagt, dass Hertwig Eckbrecht von Dürkheim Raubgesellen, die sogar einen Konventsherren ermordet hätten, Unterschlupf in seiner Burg gewährt.

Hertwig scheint ein Haudrauf gewesen zu sein, der die chaotischen Verhältnisse der Zeit für seine Zwecke nutzt. So legt er sich 1436 nicht nur mit der Stadt Hagenau an, sondern mit insgesamt 72 Städten und Adligen. Von diesem mächtigen Bündnis lässt er sich nicht einschüchtern und greift Orte an, die seinen Gegnern gehören. In Saarburg, "nahm er einen großen Raub, erschlug und fing viele", wie es in einer Chronik heißt. Dann überfällt er das Dorf Eischweiler, als gerade Kerwe ist, "nahm groß Gut, fing wohl 60 und erschlug 10 Mann". Die Gegner kontern mit Attacken auf Hertwigs Güter, doch bald einigt man sich.

Überfälle auf Ortschaften

Die Ganerben bieten auch Adligen von zweifelhafter Reputation Zuflucht, was der Burg den Ruf eines Raubnestes einbringt. So kommt 1459 ein Ritter von Horneck auf den Drachenfels, der nicht nur Händel mit Kurfürst Friedrich I. von der Pfalz hat, sondern auch mit dem Herzog von Veldenz und den Leininger Grafen. An seinen Raubzügen beteiligen sich die Ganerben, die deshalb kurzzeitig in die Reichsacht verfallen. 1471 ein weiteres Gaunerstück: Bewohner des Drachenfels nehmen den Burggrafen Johannes von Knättelsheim samt Sohn gefangen und geben sie erst nach Zahlung von 200 Gulden frei.

Diese Taten weisen nicht nur auf eine gewisse kriminelle Energie hin, sondern können auch als Akte der Verzweiflung gedeutet werden. Denn der Stern des Niederadels ist im Sinken begriffen. Fürsten und Städte gewinnen dagegen immer mehr an Macht. Und die Ritterheere werden durch bezahlte Kämpfer ersetzt, die Söldner.

Um ihre Interessen besser wahren zu können, gründen Wasgauer Adlige 1463 den "Bund des heiligen Geistes", dem auch die Ganerben des Drachenfels angehören.

Zu Beginn des 16. Jahrhunderts zählt sogar Kaiser Maximilian I. für einige Jahre zu den Ganerben. Als Landgraf des nahen Elsass will er wohl Einfluss auf seine schwierigen Nachbarn nehmen.

Aus diesem Anlass entsteht ein neuer Burgfriedensvertrag, der das Zusammenleben regelt und auch die Beiträge der Ganerben zur Erhaltung und Verteidigung der Anlage festsetzt: Ein Fürst muss demnach für Schutz und Aufenthalt in der Burg 40 Gulden und vier gute Hakenbüchsen (Gewehre) geben, ein Graf 20 Gulden und zwei Hakenbüchsen sowie ein Ritter fünf Gulden und eine Hakenbüchse. Dazu Lebensmittel.

Unter den 24 Ganerben findet sich im Jahr 1510 Franz von Sickingen. Seine Aufnahme in die Gemeinschaft soll dem Drachenfels zum Verhängnis werden. Denn der ehrgeizige Ritter will Macht, sein Mittel dazu ist die Fehde. Organisationstalent und Reichtum ermöglichen es ihm, binnen kurzer Zeit 10 000 und mehr Kämpfer zu mobilisieren. Gegen Worms und Lothringen zieht er erfolgreich zu Felde, spielt 1519 eine wichtige Rolle bei der Wahl Karls V. zum Kaiser. Doch gescheiterten Kriegen gegen Frankreich und Trier folgt ein tiefer Fall. Und eine übermächtige Fürstenkoalition, zu der der Erzbischof von Trier, der Landgraf von Hessen und der Kurfürst von der Pfalz zählen, schickt ein Herr gegen Sickingens Festung Nanstein über Landstuhl. Dort erliegt Franz am 6. Mai 1523 seinen Verletzungen, die er durch Kanonenbeschuss erlitten hat.

"Got tröst den Franzen"

Nun beginnen die Fürsten, alte Rechnungen zu begleichen. Eine ist mit den Ganerben des Drachenfels offen, die nicht nur zu den Unterstützern Sickingens zählen, sondern auch durch Fehden und Räubereien viel Unmut auf sich gezogen haben.

Die Burg geht in Rauch und Flammen unter. Ein altes Landsknechtslied über Sickingens Fall erwähnt das Geschehen: "Die Fürsten zugend weiter dann gen Trackenfels also genannt, das haben sie verprennet; Got tröst den Franzen lobesam! sein Land wird gar zertrennet, zertrennet!"

In einem amtlichen Bericht von 1664 heißt es, die Burg "ist längst ganz zerfallen". Doch die Familie von Dürkheim bleibt im Besitz der Ruine und der umliegenden Ländereien, bis die französischen Besatzer alles zum Staatseigentum erklären und 1795 an Privatleute verkaufen.

Sagen ranken sich um die zerfallenden Mauern und die unheimlichen Felsen. Eine baumdicke Schlange, die eine goldene Krone trägt, soll im Umfeld gesichtet worden sein. Wer die Krone in seinen Besitz bringt, bekommt unermessliche Reichtümer. Aber bisher hat es noch keiner gewagt. Gespenstische Ritter sollen sich nachts mit einem goldenen Kegelspiel vergnügen. Und zur unheimlichen Burgbesatzung zählt auch ein Graf, der seine unschuldige Frau aus Eifersucht ermordet hat.

Im 19. Jahrhundert, im Gefolge der Romantik, werden die Reste des Mittelalters wiederentdeckt. Der Pfälzer Heimatschriftsteller August Becker besucht die Ruine: "Die Burg Drachenfels findet in ihrer wilden kühnen Bauart nicht leicht ihresgleichen wieder. .. Wie ein nagender Wurm hat der Mensch den Felsen ausgehöhlt, nach den verschiedensten Richtungen hin Gänge hindurchgeschrotet und Gemächer gebohrt. So eisern kräftig, so kühn und wild tritt uns nirgends mehr der mittelalterliche Rittergeist vor Augen." Auch das Panorama findet Beckers Bewunderung: "Da liegen sie in öder, stiller, wenig bewohnter Natur, die gespensterhaften Erscheinungen von Riesenburgen und Felsenschlössern ringsumher; da liegen und stehen versteinerte, gigantische Figuren, gleich Ungeheuern der Vorwelt, über die der düstere Geist des Gebirges einherschreitet."

Seither hat die Ruine nichts von ihrem Reiz eingebüßt. Wer die steilen Felsentreppen des Ostfelsens erklommen hat, wird mit einer atemberaubenden Aussicht belohnt. An heißen Sommertagen huschen Eidechsen über den Sandstein. Ein Gewirr von Treppen und Felsenkammern beflügelt die Phantasie. Mauerreste finden sich hier oben nicht, vermutlich gab es nur Holzbauten. Bei ihrer Zerstörung muss die Oberburg wie eine riesige Fackel gebrannt haben.

Jeden Quadratmeter genutzt

Gebäude aus Stein gibt es in der Unterburg: Hier stehen Ruinen der Torbauten, und einige Keller sind letzte Zeugen weiterer Gebäude. Balkenlöcher im Boden und in der Felswand deuten darauf hin, dass jeder Quadratmeter zur Errichtung von Wohn- und Wirtschaftsgebäuden genutzt wurde. Denn Platz war knapp, wenn auch nicht alle Ganerben permanent auf der Burg lebten. Der Westfelsen war ebenfalls mit Gebäuden besetzt. Besichtigen können ihn aber nur Kletterer.

In der Frühzeit der Burg trennt ein Graben die beiden Felsen. Damals dürften darin die Umrisse eines zwei Meter langen Drachens in den Fels gehämmert worden sein. Wohl im 15. Jahrhundert entsteht ein Wohngebäude in dem Graben, von dem lediglich noch eine Abschlusswand steht. Zwei dafür benötigte Balkenlöcher werden ohne Rücksicht auf den Drachen in den Felsen gehauen.

Noch einmal soll der Drachenfels eine Rolle in der Geschichte spielen: Am 27. März 1921 erfolgt hier die Gründung des Nerother Wandervogels, eines Verbunds, der seine Wurzeln in der Jugendbewegung hat. Auf Druck der Nationalsozialisten löst er sich zum Jahreswechsel 1933/1934 auf. Nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgt die Neugründung der Organisation, die bis heute existiert. Die widerspenstigen Drachenfelser hätten an diesen Zeitgeistverweigerern sicherlich ihre Freude gehabt.