Zeitreise

Kein Strich hinter Karl Marx

Archivartikel

Der Geburtstag des umstrittenen Philosophen, der in Trier aufgewachsen ist, jährt sich heute zum 200. Mal. Die Stadt an der Mosel träumt damals unter dem Joch der Preußen von Revolten und Freiheit. Und formt so den Mann, der die Welt verändern will.

Pfarrer, Notar, Arzt: Diese Berufe werden jene Schüler ergreifen, die 1835 am Trierer Gymnasium (heute Friedrich-Wilhelm-Gymnasium) ihr Abitur machen. Vermerkt ist das auf einer Liste, um diese Zeit angefertigt, später etwa von dem vor sechs Jahren verstorbenen Trierer Historiker und Karl-Marx-Forscher Heinz Monz aufbereitet. Unter den 32 Namen ist auch der von Karl Marx zu lesen. Doch im Gegensatz zu den meisten seiner Mitschüler ist die Zeile unter dem Schlagwort „Beruf“ leer geblieben. Kein Posten, stattdessen: nur ein Strich.

An den Wurzeln

Das Abitur besteht der Mann, der die Weltgeschichte so sehr beeinflussen soll, mit der Note 2,4 – gut, nicht herausragend. Zu dem Zeitpunkt, als Karl Marx in Trier aufwächst, sei nicht absehbar gewesen, „welch intellektuelle Entwicklung er einmal hinlegen würde“, sagt Ann-Katrin Thomm, Kuratorin der neuen Dauerausstellung im Karl-Marx-Haus – jenem Haus in der Brückenstraße 10, in dem der Philosoph am 5. Mai 1818 als drittes von neun Kindern zur Welt kommt. Der Ort, an dem alles seinen Anfang nimmt. Für Thomm ist das seit 1968 zum Museum umgewandelte Haus selbst deshalb „das tollste und größte Exponat“. Auch 2018, 200 Jahre nach Marx’ Geburt, nun, da die Stadt ihren Sohn mit einem riesigen Jubiläumsjahr feiert.

So ist das nicht immer gewesen: dass Trier sich zu Marx bekennt. Doch totzukriegen sind seine Theorien nicht. Seine Gedanken über Arbeit, Technik, die Ausbeutung im kapitalistischen System scheinen gar aktueller denn je. Über seine Kindheit ist indes nur wenig bekannt. Klar ist: Die älteste Stadt Deutschlands hat dem Denker einiges mitgegeben. Denn für viele Fragen sei Marx in Trier sensibilisiert worden, sagt Ann-Katrin Thomm. Und auch, wenn es ihn nach seinem Weggang im Alter von 17 Jahren kaum mehr nach Trier zieht, so bleibt er doch zeitlebens mit seiner Heimat verwurzelt. Den Moseldialekt legt er nie ab. Auch nicht in der späteren Wahlheimat London.

Das Elend unter den Preußen

Die großen Lebensthemen, die gesellschaftliche Ungerechtigkeit, dieses fortwährende Reiben an den Zuständen, müssen in der Moselstadt ihren Anfang genommen haben. Der Großteil der Trierer Bevölkerung – damals eine Stadt mit etwa zwölftausend Einwohnern – lebt unter der Herrschaft der Preußen in unsäglichem Elend. Trier war hervorgegangen aus der Römerstadt „Augusta Treverorum“, einst die größte Stadt nördlich der Alpen. Doch die Spuren dieser alten Zeit, vom Amphitheater bis zum Dom, „heute touristische Attraktionen, waren damals am Verfallen“, sagt Thomm. Ein Anblick, mit dem Marx auf seinem Schulweg tagtäglich konfrontiert wird. Ebenso mit der Not im überfüllten Armenhaus an der Mosel. „Die Menschen haben gefroren und gehungert“, erzählt Stadtführerin Anne Boeck. „Auch wenn Marx selbst nicht betroffen war – gesehen hat er’s“.

Das Haus der Familie liegt mittendrin im städtischen Treiben, in unmittelbarer Nähe zur Porta Nigra. Es ist nicht das Geburtshaus – dort verbringt Marx nur die ersten 15 Monate seines Lebens. Dann zieht die Familie in das Domizil in der Simeongasse (heute Simeonstraße).

Auf den Spuren Marx’ lässt sich noch heute wandeln. Die Trier Tourismus und Marketing GmbH hat eine ganze Reihe an Stadtführungen ersonnen, die Zeit und Figur wieder lebendig werden lassen. Etwa den Rundgang mit Alf Keilen, der als Nachtwächter Jacobus Fischer durch das Trier im Jahr 1850 führt – zwei Jahre nach der gescheiterten Deutschen Revolution. Erzählt wird dann auch von Fischers Maathes, für Trierer eine Kultfigur bis zum heutigen Tag. Mit ihm hat Marx das Gymnasium besucht. Fischers Maathes wird als Sandsteinfigur im Trierer Heuschreckbrunnen und jedes Jahr in karnevalistischen Büttenreden in Ehren gehalten. Über die Marx-Statue aus China debattiert man als vergiftetes Geschenk.

Zurück zum in Trier geborenen Revolutionär: Marx’ Eltern stammen aus alten Rabbinergeschlechtern. Der Vater ist vermutlich bereits zum Zeitpunkt der Geburt seines Sohnes kein Jude mehr. Um seinen Beruf als Anwalt auch unter den Preußen weiter ausüben zu können, konvertiert Heinrich Marx – im stockkatholischen Trier – zum Protestantismus. „Er wechselt praktisch von einer Minderheit zur anderen“, sagt Thomm. Später schafft er es zum Justizrat. Die Familie folgt ihm in der offenbar rein pragmatischen Entscheidung. Der kleine Karl wird 1824 getauft.

Liberales Gedankengut

In die Wiege gelegt wird Marx in Trier auch die Liebe zum Wein. Der Vater besaß mehrere Parzellen eines Weinbergs im Ruwertal. Die Moselwinzer geraten insbesondere in den 1830er Jahren in die wirtschaftliche Krise – für Marx ein Anlass, sich tiefer in Fragen der Ökononomie zu vergraben. Marx’ Geburtsurkunde hat der Winzer und Zweite Bürgermeister der Stadt Trier, Emmerich Grach, unterschrieben – ein Vorfahre von Günther Jauch. Der Fernsehmoderator betreibt seit Jahren ein Weingut an der Saar und ist als Gast zur Ausstellungseröffnung in Trier angekündigt.

In Trier hinterlässt das politische Geschehen in Europa Spuren. Doch neben Armut herrscht auch Aufmüpfigkeit. Marx’ Vater schreibt ihm 1836: „Die Mutter sagt, Du seyest ein Glückskind.“ Und das ist Marx. In Trier wächst er trotz allem wie im wohlbehüteten Nest auf, profitiert sowohl vom Wohlstand der Eltern als auch von ihrer liberal-aufgeklärten Erziehung, ebenso von humanistischen Lektionen einiger Freidenker. All dies legt den Grundstein für Marx’ Widerstandsgeist.

Heinrich Marx, Mitglied der Trierer Casino-Gesellschaft, hat Freunde wie den Schuldirektor Johann Hugo Wyttenbach und den preußischen Regierungsrat Ludwig von Westphalen. Bei einem Festessen im Januar 1834 wird die Marseilleise gesungen – für Wyttenbach mit Folgen: Der Schuldirektor steht von nun an unter Beobachtung des Staates. „Solche Konflikte mit der Obrigkeit gehen an Marx sicher nicht spurlos vorbei“, sagt Thomm. In dem Pädagogen Wyttenbach findet er einen Freund auf geistiger Ebene, seine Dissertation wird er Regierungsrat von Westphalen widmen. Der hat ihn an die Welt der Literatur herangeführt, Shakespeare im Original. Zudem ist von Westphalen Vater des Schulfreundes Edgar und dessen älterer Schwester Jenny – die Frau, die Marx heiraten wird. Ein Foto von Vater Heinrich, der den Sohn lieber hätte sein Jurastudium beenden sehen und 1838 an einem Leberleiden stirbt, soll Marx zeitlebens bei sich getragen haben.

Trier, gut drei Wochen vor der heutigen Ausstellungseröffnung im Karl-Marx-Haus. Eines der neuen Ausstellungsstücke kommt an: der Sessel, in dem der Philosoph viel gelesen – und vermutlich auch seine letzten Stunden verbracht hat. „Aus Briefen seines Freundes Friedrich Engels wissen wir, dass er im Sessel gestorben ist“, sagt Elisabeth Neu, Leiterin des Karl-Marx-Hauses. „Wir haben den Sessel bewusst nicht aufbereitet“, erzählt Kunsthistoriker Peter Pfister von der Friedrich-Ebert-Stiftung. „Seine Geschichte soll man wie in einem Buch ablesen können.“ So wie der Riss im rechten Holzbein von der Unruhe erzähle, die stets im Menschen Karl Marx wohnte: „Er rollte damit hin und her und ist dann vermutlich einfach mal hängengeblieben“, sagt Pfister.

Die Pein, die sich Leben nennt

In seiner Abiturarbeit schreibt der 17-jährige Marx: „Die Geschichte nennt diejenigen als die größten Männer, die, indem sie für das Allgemeine wirkten, sich selbst veredelten; die Erfahrung preißt den als den Glücklichsten, der die meisten glücklich gemacht; die Religion selber lehrt uns, daß das Ideal, dem alle nachstreben, sich für die Menschheit geopfert habe und wer wagte solche Aussprüche zu vernichten?“ Worte, die den Idealisten und Perfektionisten in ihm erkennen lassen. Doch Marx war auch ein „unsteter Mensch“, sagt Thomm. „Einer, dem die ganze Spannbreite menschlicher Erfahrungen nicht unbekannt war.“ Von seinem Werk sei bis heute nicht alles veröffentlicht, vieles fragmentarisch, einiges widersprüchlich.

Jenny von Westphalen, die er in Trier lieben lernt und in Bad Kreuznach heiratet, nennt ihn „Schwarzwildchen“ – vermutlich wegen seines dunklen Barts. Andere nennen ihn „Mohr“. Sein Markenzeichen muss ihm auch Probleme bereitet haben: Sein Leben lang leidet Marx an Furunkeln. In der Londoner Exilzeit nehmen gesundheitliche Beschwerden zu. Schuld daran sind auch die Arbeit bei Nacht und die Raucherei, rastlose Schaffensphasen, die sich mit Erschöpfungszuständen abwechseln. Marx behandelt sich mit Alkohol und Arsen.

Und er findet mehr als nur Halt bei seiner Frau Jenny. Die vier Jahre Ältere ist es, die all seine Schriftstücke überträgt, bevor sie ein Verleger zu Gesicht bekommt. „Karl Marx hatte eine unleserliche Handschrift“, sagt Stadtführerin Anne Boeck, die es für nicht ausgeschlossen hält, dass Jenny dabei auch inhaltlich Einfluss genommen hat.

Eine Liebe wie keine andere

Die Adelige hat, gesellschaftlichen Konventionen zum Trotz, den Bürgerlichen gewählt. 1836 verloben sie sich. Es vergehen sieben Jahre, bis sie heiraten. So groß die Liebe bis zum Ende ist, so sehr wird der Alltag von Widrigkeiten überschattet – und von finanziellen Nöten. „Das Familiensilber von Jenny wanderte zwischen Pfandhaus und Haushalt hin und her“, erzählt Boeck. Marx ist nicht der typische Familienernährer. Schon als Student, beschwert sich der Vater einmal, gebe er mehr aus, als er selbst verdiene. Gerade so über Wasser halten die Familie Erbschaften – und der Freund fürs Leben, Friedrich Engels.

Der übernimmt, Gerüchten zufolge, auch die Vaterschaft für Sohn Frederick, den Marx mit der Haushälterin Helena Demuth gezeugt haben soll. „Lenchen“ bleibt auch danach Teil der Familie, wird im Familiengrab beigesetzt. So sehr muss Jenny ihr „Schwarzwildchen“ geliebt haben, dass sie trotz allem bleibt. Sie bringt sieben Kinder zur Welt, von denen drei Töchter überlebten – alle erhalten sie den Vornamen Jenny. Die älteste Tochter Jenny Caroline stirbt im Alter von 38 Jahren nur zwei Monate vor ihrem Vater. 1881 hat ihn auch seine Frau verlassen.

Abschied nehmen

Zum letzten Mal in Trier weilt der Philosoph zum Tod der Mutter, im November 1863. Rund 20 Jahre vor dem eigenen. Seinen großen Durchbruch hat Marx nicht mehr erlebt. Ein Großteil der Vereinnahmung durch andere, gegen die er sich stets gewehrt hat – „Was mich betrifft, ich bin kein Marxist!“ –, auch nicht. Das Jubiläumsjahr: Es ist auch eines der Vermarktung des Namen Karl Marx. Selbst als gelbes Badeentchen mitBart ist Marx in Trier zu kaufen. Im einstigen Wohnhaus des Kapitalismuskritikers befindet sich heute ausgerechnet ein „Euroshop“. Wer weiß, was er wohl dazu zu sagen gehabt hätte.

Das letzte Porträt von Karl Marx spricht für sich selbst. Entstanden ist es 1882 in Algier – weißbärtig lächelt er in die Kamera. Kurz darauf lässt er sich dort die Haarpracht rasieren, im Gesicht und auf dem Kopf. In der Biografie „Marx: Der Unvollendete“ interpretiert Jürgen Neffe es so: „Er zerstört sein Image, das eigene Götzenbild (...). Ein letzter einsamer Akt, Welttheater ohne Zuschauer.“

Am Londoner Grab wird Friedrich Engels 1883 die Trauerrede halten. Nur wenige sind da, Freunde, Familie. Marx wollte es so. „Sein Name wird durch die Jahrhunderte fortleben und so auch sein Werk“, spricht Engels dort. Der Freund weiß es schon.

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