Zeitreise

Monument der Liebe

Sie sieht aus wie eine Kirche, ist aber eines der bedeutendsten Monumente der badischen Geschichte: die Großherzogliche Grabkapelle im Hardtwald in Karlsruhe, von trauernden Eltern für ihren Sohn errichtet – in tiefer Liebe und voller Schmerz

Es wirkt, als würde er schlafen. Ganz friedlich liegt er da, der Prinz Ludwig Wilhelm von Baden. Er trägt die Uniform des Badischen Leib-Grenadier-Regiments, ist auf seinen Mantel und kunstvoll drapierte Tücher gebettet. In seiner Hand hält er einen Rosenzweig, dazu den Griff seines Infanterie-Offizierssäbels, der auch unten aus dem Mantel ragt. Haare, Bart, Ohren, Augen, Fingernägel, auch der Faltenwurf sind bis ins kleinste Detail nachgebildet – alles aus feinstem weißen Carrara-Marmor.

„Das ist alles künstlerisch fantastisch gearbeitet, einzigartig in Baden-Württemberg“, hebt Petra Pechacek vor, als sie vor dem Kenotaph, also dem Scheingrab, des jungen Prinzen steht. Bildhauer Hermann Volz hat das Grabmal geschaffen. Es steht in einem Gebäude, das „zu den wichtigsten Monumenten badischer Geschichte gehört und eines der wenigen erhaltenen Originale aus dieser Zeit an authentischem Ort ist“, wie Pechacek hervorhebt: die Großherzogliche Grabkapelle. Sie betreut es als Konservatorin für die Staatlichen Schösser und Gärten, die das Mausoleum der Öffentlichkeit zugänglich machen – was sonst bei privaten Grablegen selten ist.

Tod beim Duell

Gebaut wird das Monument für Ludwig Wilhelm von Baden. Schon 1888 stirbt er 22-jährig als Student in Freiburg – offiziell an einer Lungenentzündung, obwohl – laut Nachruf – zuvor „blühend gesund“. „Vermutlich ist er an den Folgen eines Duells gestorben“, nimmt Pechacek anhand alter Unterlagen an, „es ging wohl um eine Frau“. Jedenfalls sei der Tod „sehr plötzlich“ gekommen – so plötzlich, dass die Eltern völlig entsetzt und tief traurig sind.

Seine Eltern, das sind der von 1856 bis 1907 regierende Großherzog von Baden, Friedrich I., nach dem in Mannheim der Friedrichsplatz benannt ist, und dessen Frau Großherzogin Luise, Tochter von Kaiser Wilhelm I. und Namenspatin für den Mannheimer Luisenpark. Gerade für die Großherzogin ist der Tod des jüngsten Sohnes ein herber Schicksalsschlag. Nur wenige Wochen nach dem Sohn stirbt ihr Vater, seit 1871 Deutschlands erster Kaiser. Dessen Nachfolger und Luises Bruder, Friedrich III., stirbt nach nur drei Monaten. Den „99-Tage-Kaiser“ nennt man ihn daher.

Mitten im Wald

Der so jung ums Leben gekommene Sohn des Großherzogpaares wird zunächst in der Karlsruher Stadtkirche bestattet, damals die fürstliche Grablege. Aber hier kann die Familie nicht in Ruhe trauern – die Öffentlichkeit, die am Tod des jungen Prinzen starken Anteil nimmt, bekommt alles mit. Die Familie wünscht sich daher einen privaten Rückzugsort, „in der Abgeschiedenheit des tiefen Waldfriedens“, wie es in einer zeitgenössischen Chronik heißt. Großherzogin Luise hat als preußische Prinzessin auch ein Vorbild dafür vor Augen: das Mausoleum im Schlosspark von Charlottenburg.

In Karlsruhe wird der fürstliche Fasanengarten als Standort gewählt: Ein Ort mitten im Wald, zu dem die Lärchenallee führt – eine der strahlenförmigen Straßen, deren Ausgangspunkt das Schloss ist. „Man hat hier eigens einen Hügel aufgeschüttet, damit das Bauwerk erhaben aussieht“, so Pechacek. Privat und ungestört von den Blicken ihrer Untertanen wollen die Eltern hier um ihren geliebten Sohn trauern.

Noch in dessen Todesjahr 1888 lobt Großherzog Friedrich I. einen Architektenwettbewerb aus. „Nahezu alle damals bekannten badischen Baumeister haben sich beteiligt“, weiß die Konservatorin. Den Auftrag erhält der erzbischöfliche Baumeister Franz Baer aus Freiburg, auf den auch die Restaurierung des Münsters in Salem zurückgeht. Aber er ist Katholik – obwohl die Badener ein protestantisches Fürstenhaus sind.

Der Grundstein für seinen – zunächst sehr schlichten – Entwurf wird am 1. Mai 1890 gelegt, die Gesamtleitung erhält Friedrich Hemberger, Oberbaurat am Großherzoglichen Hofbauamt. Weil er bald schwer erkrankt, übernimmt sein Sohn Hermann. „Aber der Großherzog mischt sich ständig ein, bringt während der Bauarbeiten immer neue Wünsche vor“, so Pechacek. So wird während der Bauzeit von 1889 bis 1896 aus der bescheidenen Kapelle ein monumentales Bauwerk, das aussieht wie eine Kirche und verschiedene Baustile vereint.

57 Meter ragt der eindrucksvolle, mit Wasserspeiern, Drachenfiguren und Fialen geschmückte Vierungsturm weit über die Baumwipfel hinaus. Darunter befindet sich ein eiserner Glockenstuhl mit zwölf Tonnen Eigengewicht und einer Glocke. Hellroter Mainsandstein und neugotische Formen prägen das 32 Meter lange Gebäude, dessen Proportionen aber nicht zu stimmen scheinen. „Es wirkt für seine Höhe zu kurz“, bestätigt Pechacek, doch das liege an den nachträglichen Wünschen des Großherzogs, der spät noch ein steinernes Gewölbe über der Gruft verlangt. Daher müssen für die Statik Wände höher gezogen werden als geplant.

Sandstein aus Wertheim

3400 Kubikmeter Sandsteinquader schafft eine Firma aus Wertheim für den Bau per Güterzug nach Karlsruhe. Sie werden alle, was damals noch ungewöhnlich ist, maschinell zersägt, „das macht die Oberflächen so glatt und damit wertig“, erläutert die Konservatorin. Insgesamt 22 badische Firmen sind am Projekt beteiligt. „Die Kapelle gilt als wichtiges Zeugnis für das badische Kunstschaffen des ausgehenden 19. Jahrhunderts, zumal im Zweiten Weltkrieg nur ein paar Fenster kaputt gingen und sonst alles erhalten ist“, so Petra Pechacek.

Eine schwere Eichentür mit schmiedeeisernen Beschlägen führt in den Kapellenraum, wo zehn Reihen mit hölzernen Bänken Platz für eine Trauergemeinde bieten. Von Beginn an ist die Kapelle mit elektrischem Licht und mit einer Heizung ausgestattet. Die Orgel, von der Firma Voit und Söhne gebaut, muss auf Anweisung des Großherzogpaares so gestimmt werden, dass sie nur Trauermusik spielen kann.

Von Trauer, Schmerz und Abschied kündet auch die kunstvolle Ausstattung – etwa Altarsäulen aus poliertem schwarzem Labradorit, trauernde Kalksteinköpfe als Schmuck der Vierung, ein plastischer Fries mit Eidechsen als Symbol für Tod und Wiederauferstehung oder die Inschriften an Wänden und auf dem Tarazzoboden. „Christ ist mein Leben, Sterben mein Gewinn“ aus dem Philipperbrief ist da etwa zu lesen, dazu weitere Bibelzitate – von der tief gläubigen Großherzogin persönlich ausgesucht.

Rotes Kreuz und Adler

Auch sie und ihr Mann sind hier, im Kapellenraum, des Gebäudes, nach ihrem Tod mit Kenotaphen gewürdigt. Für die 150 Zentner schweren Liegefiguren hat man eigens den Boden verstärken müssen. Während ihr Grabmal mit dem preußischen Adler und dem badischen Wappen sowie dem Zeichen des Roten Kreuzes auf ihre Herkunft wie auch ihr Engagement als Initiatorin der Badische Schwesternschaft vom Roten Kreuz („Luisenschwestern“) verweist, trägt der Großherzog Uniformrock, auf den Schulterklappen die gekreuzten Marschallstäbe und Sterne eines Generaloberst sowie auf der Brust den Fidelitasorden, den Hausorden der Badener.

Aber weder der junge Prinz noch sein 1907 auf der Insel Mainau gestorbener Vater oder seine 1923 gestorbene Mutter ruhen in den Grabmälern aus Marmor. Den jungen Ludwig Wilhelm hat man zwar 1896 feierlich von der Stadtkirche Karlsruhe hierher, in die Grabkapelle im Wald, überführt – aber nicht in den Kapellenraum, sondern in die Gruft.

Herzen in Zinkkapseln

Der Weg dorthin führt entweder, für Bedienstete, über eine schmale Wendeltreppe vom Altarraum aus oder offiziell auf breiten Treppen durch eine lederbezogene Tür mit eisernen Beschlägen sowie ein weiteres schmiedeisernes Tor. Entworfen hat sie Hermann Götz, Direktor der Karlsruher Kunstgewerbeschule, und versehen mit kunstvoll gearbeiteten Mohnkapseln – in der christlichen Ikonographie Symbol für den Tod und den ewigen Schlaf.

Wer die Treppen hinabsteigt, erlebt keinen morbide-düsteren Raum, sondern einen erhabenen, würdigen, intimen Ort der Trauer. Eine prägnante Mittelsäule und die Kapitelle der seitlichen Säulen sind mit stilisierten Pflanzenmotiven versehen, auch da wieder mit Mohnkapseln. 18 Särge stehen hier – aus Holz mit schwarzem, rotem oder violettem Samt bespannt, goldenen oder silbernen Tressen und Borten verziert. Vergoldete Bronzebeschläge mit Greifenköpfen dienen als Griffe. Die Füße, auf denen die Särge ruhen, stellen entweder Löwentatzen oder Greifenklauen dar – man erkennt Abstufungen, wer als Regent gestorben ist oder als Angehöriger.

„Nur die Außensärge sind aus Holz, darin befinden sich noch Metallsärge, darin wiederum die einbalsamierten Leichen“, erläutert Petra Pechacek. Die Herzen der Herrscher hat man getrennt vom Leichnam in Zinkkapseln auf die Särge gelegt. Ein zentraler Platz kommt dem jungen Prinzen zu, in seiner Nähe ruhen seine Eltern. Auffallend ist ein kleiner Kindersarg: Er gehört Prinzessin Henriette von Baden, die 1834 im Alter von einem Jahr stirbt.

Trauer bis heute

Nachdem die Stadtkirche am Marktplatz im Zweiten Weltkrieg zerstört wird, kommen 1946 auch die Särge verschiedener Familienmitglieder in die Grabkapelle. Seither ruhen hier die letzten fünf von sieben badischen Großherzögen und ihre Ehefrauen. Insgesamt gibt es 18 Särge, doch drei sind leer: Bei Großherzogin Luise soll, so sagt die Konservatorin, mit der Einbalsamierung etwas schiefgegangen sein – sie hat man daher in der Erde, unter der Gruft der Grabkapelle, bestattet. Für Graf von Rhena, 1908 im Alter von 31 bei einem Fenstersturz umgekommen, steht hier zwar ein Sarg, aber ohne seine sterblichen Überreste.

An Markgraf Wilhelm (1829–1897), Vater von Prinz Max von Baden (letzter Kanzlers des Kaiserreiches) und Begründer des heute noch in Schloss Salem lebenden Familienzweigs, wird in Karlsruhe zwar mit einem Sarg erinnert. Seinen Leichnam hat die Familie aber 1953 nach Salem überführt und dort bestattet. Im Jahr zuvor, 1952, findet die letzte Beisetzung in der Grabkapelle statt: die von Hilda von Nassau, der letzten Großherzogin.

„Die Familie von Baden kommt aber nach wie vor hierher“, berichtet Petra Pechacek, auch wenn das architektonische Kleinod 1964 in das Eigentum des Landes übergeht. Über 300 bunte Kranzschleifen, die alle – an den Wänden von Altarraum und Gruft hängend – aufbewahrt werden, legen nicht nur Zeugnis der Trauer einer Familie ab, die lange das Land regiert hat. Manche sind zwar porös und stammen aus dem 19. Jahrhundert, einige aber auch ganz frisch. Sie künden davon, dass Regierungen, Vereine oder das Rote Kreuz zu Todestagen immer noch Kränze niederlegen und so ihr Gedenken an ein beliebtes Großherzogspaar zum Ausdruck bringen.

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