Zeitreise

Ort von Befehl und Widerstand

Vor 75 Jahren, am 20. Juli 1944, scheitert der Umsturzversuch des Grafen Stauffenberg und seiner Mitstreiter gegen das NS-Regime. Schauplatz der Ereignisse ist der Bendlerblock in Berlin. Er hat eine lange Geschichte – bis heute als Sitz des Bundesverteidigungsministeriums.

Wer ein Gefühl für historische Orte besitzt, der kann nicht unberührt bleiben. Man steht in jenem Raum, in dem Claus Schenk Graf von Stauffenberg am Abend des 20. Juli 1944 versucht, nach Scheitern seines Attentates auf Hitler den Aufstand gegen das NS-Regime doch noch zum Erfolg zu führen; der Raum, in dem er den Tod vor Augen die letzten Stunden seines Lebens verbringt – in jener Nacht vor fast auf den Tag genau 75 Jahren.

Der Benderblock ist Geschichte hautnah. Der Ort, an dem Hitler bereits wenige Tage nach seiner Ernennung 1933 seinen Eroberungskrieg ankündigt. Der Ort, an dem mutige Männer spät, manche sagen: zu spät, 1944 versuchen, diesem Wirken Einhalt zu gebieten und dafür ihr Leben lassen. Ein Ort mit langer Geschichte – bis heute als Berliner Amtssitz von Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen.

Sitz der Kaiserlichen Marine

Der älteste Teil des Gebäudes, seit den 1930er Jahren nach Johann Christoph Bendler (1789-1873), dem früheren Besitzer des Grundstücks benannt, entsteht in den Jahren 1911 bis 1914 entlang des Landwehrkanals: fünf Stockwerke hoch mit einer Fassade im protzigen Mix aus Klassizismus und Barock. Sein Zweck: Sitz der Kaiserlichen Marine. 900 Menschen wirken hier für die Flottenhochrüstung des Deutschen Kaiserreiches – in ihrer überflüssigen Gefährlichkeit einer der Marksteine zum Ersten Weltkrieg 1914 bis 1918.

Der Mann, der dafür steht, ist der Großadmiral Alfred von Tirpitz. Protzig nicht nur sein Bart und seine Politik wie der rücksichtslose U-Boot-Krieg, sondern auch sein Lebensstil. Im zweiten Obergeschoss liegt seine Dienstwohnung mit 24 Zimmern. Mit Sturz der Monarchie 1918 zieht der Sozialdemokrat Gustav Noske als neuer Reichswehrminister ein – anschaulicher kann ein Systemwechsel kaum sein.

Sein Büro wird Schauplatz eines legendären Vorfalls. Als sich im März 1920 ehemalige Soldaten (Freikorps) gegen die Republik erheben, fordert Noske ein Einschreiten der Reichswehr. Der Chef des Generalstabs, General Hans von Seeckt, lehnt jedoch ab – mit den berühmt gewordenen Worten: „Truppe schießt nicht auf Truppe“. So ist es nicht das Militär, sondern ein Generalstreik der Gewerkschaften, der den Putsch beendet und die Republik vorerst rettet. Für ihre Gegner aber bleibt der Bendlerblock eine feste Bastion.

Das Militär auf seiner Seite zu haben, das ist entscheidend. Das weiß auch Adolf Hitler. Wenige Tage nach seiner Ernennung zum Reichskanzler macht er am 3. Februar 1933 im Bendlerblock seine Aufwartung. Bei einem Abendessen in der Wohnung des Chefs der Heeresleitung, General Kurt von Hammerstein, legt er überraschend unverblümt seine Ziele dar: „Beseitigung des Krebsschadens der Demokratie“ und „Eroberung neuen Lebensraums im Osten und dessen rücksichtlose Germanisierung.“ Sprich: Diktatur und Krieg.

Die Aufrüstung führt 1938 durch Anbauten in der heutigen Stauffenbergstraße auch zum Ausbau des Bendlerblocks, der damit sein heutiges Aussehen erhält. Neben der Marine residieren hier nun das Heer und der Geheimdienst, die Abwehr des legendären Admirals Canaris.

Doch gerade diese militärische Schaltzentrale ist zugleich Ort des Widerstandes gegen das NS-Regime. Im Ostflügel arbeitet seit Kriegsbeginn eine Widerstandszelle um General Friedrich Olbricht. Bald wird klar, dass die Beseitigung Hitlers unumgänglich ist. Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg wird ausgewählt, den Anschlag auszuführen, weil er als Stabschef des Ersatzheeres der einzige der Verschwörer ist, der persönlichen Zugang zu Hitler hat. Der Rest ist Weltgeschichte: Am Mittag des 20. Juli 1944 zündet Stauffenberg im Führerhauptquartier Wolfsschanze eine Bombe. Doch Hitler überlebt nur leicht verletzt, was zunächst aber nicht bekannt ist.

Dramatische Ereignisse

Es folgen dramatische Ereignisse, von denen der Hollywood-Film von 2007 einen recht guten Eindruck vermittelt. Stauffenberg fliegt nach Berlin. Sein Büro im Bendlerblock wird ab 16 Uhr zum Zentrum des Umsturzversuchs – und dessen Scheiterns. Um 23.15 Uhr besetzen Hitler-treue Truppen den Bendler-Block, es kommt zu dramatischen Schusswechseln auf den Fluren, die Verschwörer werden verhaftet.

Stauffenbergs Chef, General Fromm, macht kurzen Prozess. Dem Generaloberst Beck, von den Verschwörern als Staatsoberhaupt vorgesehen, gestattet er, sich selbst zu erschießen. Als dies misslingt, gibt ein Feldwebel den Gnadenschuss. Die anderen Protagonisten des Umsturzes lässt Fromm sofort hinrichten: Olbricht, Stauffenberg, dessen Adjutant von Haeften sowie Oberst Ritter Mertz von Quirnheim. Im Scheinwerferlicht eines Wehr-machtslasters werden sie ab 0.15 Uhr vom zehnköpfigen Exekutionskommando unter Leitung des Leutnants Werner Schady erschossen.

„Es lebe das heilige Deutschland!“ – so Stauffenbergs letzte Worte laut Augenzeugen. Inzwischen vermuten einige Historiker, er habe „das heimliche Deutschland“ gerufen, damit das verborgen liegende, gute Deutschland gemeint. Doch heilig klingt natürlich pathetischer.

Viele Andere, die am 20. Juli be-teiligt sind oder davon Kenntnis haben, werden inhaftiert und ermordet. Auch für das gesamte deutsche Volk ist das Scheitern des Umsturzes tragisch: Zwischen dem 20. Juli 1944 und dem Kriegsende im Mai 1945 sterben mehr Soldaten und Zivilisten als von 1939 bis 1944 zusammen.

Am 2. Mai 1945 besetzen Soldaten der Roten Armee das Bauwerk, später liegt es im britischen Sektor. So ist der Bendlerblock eines der wenigen ehemaligen Regierungsgebäude der Nazis, das nach der Teilung Berlins nicht im kommunistisch beherrschten Osten, sondern im Westteil der Stadt liegt. Und es ist – Ironie der Geschichte eines Gebäudes, von dem so viel Gewalt ausgeht – nahezu unversehrt. So kann es von diversen Behörden genutzt werden.

Zwiespältige Bewertungen

An die Geschehnisse von 1944 erinnert dort zunächst nichts. Auch nach Ende der NS-Diktatur bleibt den Männern und Frauen des 20. Juli ihre verdiente Anerkennung lange verwehrt. In weiten Kreisen, vor allem dem Millionenheer der ehemaligen Frontsoldaten, gelten sie nach wie vor als Verräter. Aber auch eher linke Kräfte können sich mit den Männern des 20. Juli nur schwer identifizieren. Dies seien Leute, so ihre zentrale Kritik, die mitgemacht hätten, als noch gesiegt wurde, und erst aufgestanden seien, als die militärische Niederlage bevorstand.

Doch die 1949 gegründete Bundesrepublik braucht Ereignisse, die vor der Welt eine „Kollektivschuld des deutschen Volkes“ widerlegen. Für CDU-Bundeskanzler Konrad Adenauer sind die Männer des 20. Juli die richtigen: Gegen die Nazis, aber in ihrem Zuschnitt anti-kommunistisch – ideal in der Zeit des Kalten Krieges. Die Berufung auf den 20. Juli wird für die offizielle Politik zu einem der Gründungsmythen der jungen Bundesrepublik.

Allmähliche Anerkennung

Das schlägt sich im Bendlerblock nieder. Am 20. Juli 1952 legt Eva Olbricht, Witwe des hingerichteten Generals, den Grundstein für ein Ehrenmal, das am 20. Juli 1953 vom Regierenden Bürgermeister von Berlin, Ernst Reuter, enthüllt wird. Richard Scheibe schafft eine Bronzefigur, die einen jungen Mann mit gefesselten Händen zeigt. Um dessen Ohnmacht zu unterstreichen, ist er nackt dargestellt – und dies, der Bildhauertradition der Renaissance folgend, in allem ausgesprochen detailliert; bei Besuchern löst dies noch heute Überraschung, ja Irritation aus.

Die Inschrift gestaltet der Kunsthistoriker Edwin Redslob, nach dem Krieg Verleger des „Tagesspiegel“ und Rektor der Freien Universität Berlin. „Ihr trugt die Schande nicht. Ihr wehret Euch. Ihr gabt das große ewig wache Zeichen der Umkehr, opfernd Euer heißes Leben für Freiheit, Recht und Ehre“, lautet sie.

Als Ende der 1960er Jahre im Zuge der Studentenproteste eine wirkliche inhaltliche Aufarbeitung der NS-Zeit gefordert wird, entsteht eine erste Ausstellung. 1983 initiiert der Regierende Bürgermeister Richard von Weizsäcker (CDU), mit vielen der adeligen Familien aus dem Widerstand persönlich verbunden, eine grundlegende Erweiterung, mit der er den renommierten Historiker Peter Steinbach beauftragt.

Bundeswehr zieht ein

Als nach der Wiedervereinigung 1990 das Bundesverteidigungsministerium in der Hauptstadt Platz sucht, gerät natürlicherweise der Bendlerblock in den Blick. Doch es gibt Bedenken: Ist es angemessen, in den alten Sitz einer Armee zu ziehen, die Europa mit Krieg überzogen hat? Die Bundesregierung argumentiert entgegengesetzt – auf Basis der hiesigen Ereignisse vom 20. Juli. Sie will damit zeigen, „dass sich die Bundeswehr in die Tradition des militärischen Widerstands gegen das NS-Regime stellt.“

Aus dem gleichen Grunde erfolgt hier alle zwei Jahre am 20. Juli eine Rekrutenvereidigung. 2008 spricht dabei Altkanzler Helmut Schmidt, damals bereits im 90. Lebensjahr; als junger Offizier war er 1944 zur Abschreckung zu den Schauprozessen gegen die Verschwörer abkommandiert. Auch ihm ist anzusehen, wie sehr dieser Ort bewegt.