Zeitreise

Symbol der Freiheit

Archivartikel

Vor 100 Jahren, am 3. Juli 1919, traf die Weimarer Nationalversammlung die Entscheidung: Schwarz-Rot-Gold sind die Farben Deutschlands. Die „Ur-Fahne“ wehte schon 1832 erstmals auf dem Hambacher Schloss und kann dort noch heute besichtigt werden – hinter Panzerglas.

Das Schwarz wirkt gräulich. Die rote Farbe ist arg verblasst, fast hellbeige. Gold glitzern im unteren Drittel lediglich noch einige wenige Fasern auf der linken Seite. Rechts dagegen ist das Tuch arg ausgefranst, auch in der Mitte hat der Stoff Lücken, fehlen viele der einst goldgelben, heute stark nachgedunkelten Metallfäden. Aber dass dieses so brüchig wirkende Stück Stoff aus Seidentaft eine besondere Bedeutung hat, zeigt der Schutz durch eine dicke Glasscheibe sowie die stets stabil gehaltene Temperatur und Luftfeuchtigkeit in der abgedunkelten Vitrine.

„Die Oma der deutschen Fahne“, formuliert es liebevoll eine Schlossführerin gegenüber einer Schulklasse. „Sie hat halt schon arg gelitten in den Jahrhunderten“, erklärt Charlotte Dietz von der Stiftung Hambacher Schloss die Schäden: „Wir haben sie extra in einem bestimmten Winkel aufgestellt, damit die verbliebenen Fasern nicht rutschen“, erläutert sie. Das so geschützte Tuch sei immerhin „unser Hauptexponat“, so Dietz über die Dauerausstellung auf dem Hambacher Schloss.

Lange Bischofssitz

Dieses Schloss ist ursprünglich eine Burg. „Kästenburg“ oder „Keschdeburg“ nennen die Pfälzer den trutzigen Bau auf dem 379 Meter hohen Bergsporn der Haardt oberhalb von Neustadt, der mit vielen Kastanien bewachsen ist – und die werden in Pfälzer Mundart eben „Keschte“ genannt. Schon in spätkarolingisch-ottonischer Zeit muss, so belegen es Funde, hier eine Fliehburg gestanden haben. Zwischen 1090 und 1104 zeigen Urkunden, dass das Bauwerk dem Hochstift Speyer übereignet wird und im Mittelalter hier zahlreiche Bischöfe residieren. Auch das bischöfliche Urkundenarchiv lagert hier, und mindestens eine Bischofsweihe – 1388 – ist überliefert.

Mehrfach erobert, geplündert, zerstört und in der Hand wechselnder Eigentümer, verwaltet heute eine Stiftung den markanten Bau. Am Eingang prangt ein Logo der Europäischen Kommission, hat sie das Schloss doch 2015 zum Europäischen Kulturerbe erklärt und mit dem Europäischen Kulturerbe-Siegel ausgezeichnet – denn es gilt als Wiege der deutschen Demokratie.

Kampf für Demokratie

Hinter dicken Wänden aus hellen Sandsteinbuckelquadern erklärt die Dauerausstellung „Hinauf, hinauf zum Schloss!“ die Bedeutung des „Hambacher Fests“, seine Vorgeschichte und die späten Auswirkungen, den langen Weg zum vereinigten Deutschland und eben auch die Bedeutung von Schwarz-Rot-Gold. „Wir wollen zeigen, dass Demokratie nicht selbstverständlich ist, sondern immer wieder erkämpft werden musste – und man sie daher auch heute weiter verteidigen muss“, beschreibt Charlotte Dietz das Ziel.

Für diesen Kampf stellt der 27. Mai 1832 ein wichtiges Datum, stellt Schwarz-Rot-Gold ein wichtiges Symbol dar. Die Pfalz gehört damals als „bayerischer Rheinkreis“ zu Bayern, aber Frankreich ist nah – und damit das Gedankengut der Französischen Revolution. Der im Nachbarland laut gewordene Wunsch nach Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit regt sich auch hier. „Dabei sind die Pfälzer für damalige Verhältnisse relativ frei“, verweist Dietz darauf, dass in dem Landstrich trotz der bayerischen Herrschaft ab 1815 noch aus der Zeit französischer Besatzung weitgehend der „Code civil“, das von Napoleon 1804 erlassene Bürgerlichem Gesetzbuch, gilt.

Doch nach der französischen Juli-Revolution 1830 und zugleich dem gescheiterten Aufstand der Polen gegen die russische Fremdherrschaft brodelt es in der Pfalz. Schließlich flüchten hierher auch viele der unterdrückten Polen, Einheimische unterstützen sie in „Polenkomitees“. „Es gärt“, beschreibt Dietz die Lage.

Der bayerische König will daraufhin die Zensur verschärfen, Vereins- und Versammlungsfreiheit einschränken. Doch damit stachelt er die Proteste nur noch mehr an. Publizist Philipp Jakob Siebenpfeiffer (1789-1845) und Johann Georg August Wirth (1798-1848) gründen daher im Januar 1832 in Zweibrücken den „Deutschen Vaterlandsverein zur Unterstützung der freien Presse“ (kurz Pressverein), der in kürzester Zeit 5000 Mitglieder zählt. Er wird zur Keimzelle der Proteste. Der mit Druckverbot belegte Siebenpfeiffer ist es, der mit die Initiative zu dem ergreift, was man heute „Hambacher Fest“ nennt. Zunächst planen einige Pfälzer laut Anzeige in der „Neuen Speyerer Zeitung“, wie es damals üblich ist, ein „Konstitutionsfest“ am 26. Mai, um an die an diesem Tag 1818 verkündete bayerische Verfassung zu erinnern und dem König auf dem Hambacher Schloss – damals weitgehend eine Ruine – zu huldigen.

30 000 ziehen hinauf

Doch aus der Huldigung wird nichts. Eine Gruppe Neustadter Mitglieder des Pressvereins ruft einen Tag später, also für den 27. Mai 1832, zu einem Fest mit dem Motto „Der Deutschen Mai“ auf – nicht als Dank, sondern „für Erstrebung gesetzlicher Freiheit“. Aufgerufen sind nicht allein „alle deutschen Stämme“, sondern „erstmals ausdrücklich auch Frauen, nicht nur Schmuck zu sein, sondern mitzumachen“, wie Dietz ausdrücklich hervorhebt.

Da von den 32 Unterzeichnern aus Neustadt sechs Miteigentümer des Schlosses sind, steht einem Fest dort oben auf dem Berg nichts im Wege – denken sie. Aber die Behörden wollen es verbieten, lenken erst unter großem Druck der Bevölkerung sowie der Zusicherung, dass es ein friedliches Volksfest wird, ein. Und es wird ein Volksfest, „nicht nur weil die Pfälzer gerne feiern, sondern weil das ein Stück weit auch der Rechtfertigung dient“, so Dietz.

Also gibt es Karussells und Verpflegungsbuden, Drehorgeln, Blasmusik und Trommelwirbel. In Neustadt ertönt Glockengeläut, während statt der erwarteten vielleicht 1400 Teilnehmer – so viele Festessen hat man gerichtet – um die 30 000 Menschen auf eigens zuvor verbreiterten Wegen zum Schloss hinauf ziehen.

Etwa 25 Reden, Statements und Grußbotschaften werden dort gehalten – für die Freiheit der Presse, für Versammlungsfreiheit, für eine größere Rolle der Frauen, für internationale Verständigung und die Einheit der Nation nach dem Beispiel des 1806 aufgelösten Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. „Deutschlands Wiedergeburt“ lautet ein Schlagwort. Und genau diese zwei Worte stehen auch auf jener Fahne, die der Kaufmann Johann Philipp Abresch im Festzug trägt.

Er gehört dem Festkomitee an, ist Mitunterzeichner der Einladung und er hisst auch das große Tuch in Schwarz-Rot-Gold mit jener Inschrift auf dem Turm des Schlosses. „Hambacher Hauptfahne“ wird sie seither genannt. Warum sie die Farben in drei gleich breiten Querstreifen aufweist – Dietz weiß es nicht genau. „Womöglich eine Anspielung auf die französische Trikolore“, vermutet sie. „Es gab auch andere Reihenfolgen“, weiß sie.

Als die Farben erstmals auftauchen, dominieren sogar rot und schwarz – in Gold gesickt ist nur die umlaufende Borte bei der Fahne der Jenaer Urburschenschaft, gegründet im Juni 1815. Die wiederum bezieht sich auf die Farben des Lützowschen Freikorps, ein Freiwilligenverband der preußischen Armee in den Befreiungskriegen gegen Napoleon, in dem viele von ihnen mitgekämpft hatten. Die Freiwilligen erhalten schwarze Uniformen, weil sie aus verschiedenen Landesteilen kommen und unterschiedliche Kleider tragen, die sich so leicht einheitlich einfärben lassen. Dazu kamen rote Abzeichen und Paspelierungen, dazu goldfarbene Messingknöpfe.

„Schwarz für den dunklen Ist-Zustand der unfreien Menschen, rot für den Kampf, Gold für die goldene Zukunft, wenn dieser Kampf gewonnen ist“ – so deutet Dietz heute die drei Farben. „Schwarz als Zeichen der Nacht, die während der Knechtschaft über allen Unterdrückten in Deutschland liegt. Rot, das Herzblut, mit dem die Aurora der Freiheit erkämpft wird. Gold schließlich als Zeichen dieser Aurora; ein Gold, das so heiß wird, daß die Fürstenkronen in ihm zerschmelzen“, heißt es in einem Brief, den schon 1831 Karl Follen, nach Amerika ausgewanderter deutscher Schriftsteller und Demokrat, an Abresch schreibt.

Das Neustadter Stadtarchiv geht davon aus, dass das Meer an Fahnen in Schwarz-Rot-Gold beim „Hambacher Fest“ jedenfalls kein Zufall ist. „Alle Fahnen konnten nicht plötzlich oder kurzfristig vorhanden sein“ so Gerhard Berzel, der die Geschichte der „Hauptfahne“ erforscht hat: „Im Vorfeld des Festes legte man die Gestaltung der Fahnen fest. Dies muss so rechtzeitig geschehen sein, dass eine angemessene Zeit für die Gestaltung und Herstellung zur Verfügung stand“. Schließlich wehen nicht nur Fahnen, viele Teilnehmer tragen auch schwarz-rot-goldene Schärpen oder haben sich schwarz-rot-goldene Kokarden angesteckt. Hambach sei „der eigentliche Durchbruch“ für die dreistreifige Längskombination der Farben gewesen, so Berzel. Das Tuch sei „ hier zum Freiheitssymbol geworden“.

Wer die Hauptfahne anfertigen ließ und sie bezahlte – das ist ungeklärt. Es gibt aber Überlieferungen, dass „edle Frauen und Jungfrauen Neustadts“ sie – wie auch andere der schwarz-rot-goldenen Tücher – genäht haben. Das auf dem Turm des Schlosses aufgepflanzte Banner ist dem Stadtarchiv Neustadt zufolge nach dem Fest abgehängt, dann von den Behörden beschlagnahmt worden. Sie sei aber wieder in den Besitz der Familie Abresch gelangt, von ihr „wie eine Reliquie aufbewahrt“ und bei späteren Jahrestagen des Hambacher Fests erneut – etwa 1848 oder 1872 – gehisst worden.

Dann verliert sich ihre Spur, bis 1922. Da hängt sie im Saalbau Neustadt. Zehn Jahre später ist erwähnt, dass sie bei einer Ausstellung im Museum Neustadt gezeigt wird. In den 1950er Jahren gibt es gar einen Prozess, ob die Fahne inzwischen dem Heimatmuseum gehört oder weiter den Erben der Familie Abresch. Er endet mit der Feststellung, dass sie es sich um eine Leihgabe handelt, die indes im Museum bleiben darf.

Aufwendig restauriert

Da bleibt sie bis 1989. Da fordert sie das Germanische Nationalmuseum Nürnberg für eine Ausstellung an. Neustadt äußert Bedenken wegen des schlechten Zustands – doch die werden ausgeräumt. Das Nürnberger Museum übernimmt die Kosten einer sehr aufwendigen Textilrestaurierung, danach wird sie auf einer Platte fest montiert. Weil die Restauratorin warnt, sie nicht weiter auszuleihen, werden zudem zwei Repliken angefertigt – eine für das Haus der Geschichte in Bonn, eine für die Stadt Neustadt. Das Original indes bleibt im Hambacher Schloss, gilt weiter als Eigentum einer Nachkommin von Abresch. Eine weitere beim Hambacher Fest verwendete Flagge hängt, 1954 als Geschenk vom Historischen Verein der Pfalz überlassen, im Landtag in Mainz.

Deutschlands Nationalfarben sind Schwarz-Rot-Gold nun seit 100 Jahren – wenn auch mit einer Unterbrechung durch die Nationalsozialisten. „Fast ein ganzes Jahrhundert lang hatten deutsche Freiheitskämpfer jene Farben mit Mut und Stolz getragen. Sie waren enttäuscht, bestraft, zurückgeworfen worden“, so Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Februar beim Festakt „100 Jahre Weimarer Reichsverfassung“ in Weimar. Da nennt er es „historisch absurd, wenn diese Fahne heute am Auffälligsten ausgerechnet von denen geschwungen wird, die einen neuen nationalistischen Hass entfachen wollen!“ Schwarz-Rot-Gold seien „unsere Farben“ und „immer die Farben von Einigkeit und Recht und Freiheit“ sowie „Wahrzeichen unserer Demokratie“, so Steinmeier: „Überlassen wir sie niemals den Verächtern der Freiheit!“, warnt er.