Zeitreise

Vom Messbub zum Papst

Joseph Ratzinger ist als Benedikt XVI. von 2005 bis 2013 Oberhaupt von weltweit mehr als einer Milliarde Katholiken. Seine eindrucksvolle kirchliche Laufbahn beginnt der heute 91-Jährige in Dörfern und kleinen Städten Bayerns. Eine Spurensuche.

Der Ort Seebruck am Chiemsee zählt ganze 993 Einwohner. An jenem Sonntag, dem 4. Juni 1978, scheinen sie alle auf den Beinen zu sein. Denn die kleine Kirche St. Thomas und St. Stephan feiert das 500. Jubiläum ihrer Weihe. Aus München reist eigens der Bischof an. Es gibt eine Prozession, einen Gottesdienst, ein gemütliches Zusammensein im Gasthaus „Post“. Es wird der bedeutendste Tag in der Geschichte der kleinen Gemeinde, an den daher auch eine Gedenktafel erinnert. Denn jener Bischof heißt Joseph Ratzinger. 27 Jahre später wird er als Papst Repräsentant von einer Milliarde Katholiken werden.

An zahlreichen Orten im Südos-ten Bayerns stößt der Besucher auf Skulpturen, Gedenktafeln und Ausstellungen, die an den berühmten Sohn des Freistaates erinnern – wo der heute 91-Jährige getauft und gefirmt wird, wo er zur Schule geht, wo er als Bischof zu Besuch ist. Denn diese Ecke des Landes ist der Ausgangspunkt der Karriere jenes Mannes, der am 19. April 2005 zum 264. Nachfolger Petri gewählt wird – als erster Deutscher nach 482 Jahren.

Der Ursprung dieser außergewöhnlichen Karriere liegt Ende der 1920er Jahre in der Tiefe Bayerns: in Marktl am Inn, sogar heute, nach mehreren Eingemeindungen, nur 2500 Einwohner stark. Damals eine bitterarme Gegend, für deren Menschen ihr Glaube wertvollster Besitz ist. Wenige Kilometer von Marktl entfernt liegt der uralte Marienwallfahrtsort Altötting, im nahen Passau erklingt die größte Orgel der Welt.

„G‘schneit hat‘s und kalt war‘s“

In dieses Milieu wird Ratzinger am 16. April 1927 um 4.15 Uhr als jüngstes von drei Kindern des Gendarmen Joseph Ratzinger und seiner Frau Maria hineingeboren – Maria und Joseph, was für Eltern-Namen! „G‘schneit hat‘s und kalt war‘s“, erinnert sich sein älterer Bruder Georg. Man schreibt Karsamstag, und Schauplatz des Geschehens ist die Dienstwohnung des Vaters, das 1745 erbaute Maut- und Zollhaus.

Nicht nur diese Hausgeburt er-scheint uns heute fremd, auch der weitere Lauf der Ereignisse. Denn nur vier Stunden später, um 8.30 Uhr, tauft ein Kaplan den Knaben in der örtlichen Pfarrkirche, wenige Häuser entfernt. Allerdings ist dies sogar damals nicht üblich, sondern alleine dem Osterfest geschuldet. Im Rückblick jedoch gilt dies als Fingerzeig für eine große Zukunft. „Dass mein Leben so von Anfang an ins Ostergeheimnis eingetaucht war, konnte nur ein Zeichen des Segens sein“, interpretiert Benedikt selbst.

Sein Taufstein steht für die wechselvolle Geschichte des Katholizismus. Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil wird die neugotische Konstruktion mit Engelsköpfen als nicht mehr zeitgemäß aus dem Gotteshaus verbannt – zunächst in den Pfarrgarten, danach ins Heimatmuseum. Mit der Wahl des einstigen Täuflings zum Papst jedoch gerät sie fast zur Reliquie. Ab Ostern 2006 ist sie erneut in Gebrauch; der Erste, der darin wieder getauft wird, heißt denn auch Julian Lorenz Benedikt.

Am 11. September 2006 besucht der berühmteste Sohn seinen Heimatort. Am Vortag beschmieren Unbekannte die Fassade seines Geburtshauses mit blauer Farbe. „Der Bürgermeister des Geburtsortes eines Papstes zu sein, ist eine schöne, aber auch anspruchsvolle Aufgabe“, formuliert vielsagend Ortsoberhaupt Hubert Gschwendtner. Er ist Mitglied der SPD, die im Ort führend ist. Auch dies etwas Besonderes.

Lieber Kardinal als Tüncher

Prägend mag der Geburtsort Rat-zingers für diese Gemeinde sein, für den Papst weniger. Denn im Alter von zwei Jahren zieht er um, da der Vater nach Tittmoning versetzt wird. Als der legendäre Münchner Bischof Faulhaber diesen Ort besucht, steht Ratzinger mit all den anderen Kindergartenkindern Spalier – beeindruckt von der Gestalt des legendären Kirchenfürsten: „Ich werde auch Kardinal“, folgert er. Doch Ratzingers Bruder Georg nimmt dem Ereignis das Pathos: „14 Tage vorher, als unsere Wohnung getüncht wurde, wollte er noch Maler werden.“

1937 nimmt der Vater mit 60 seinen Abschied aus dem Polizeidienst, der auch hier auf dem Lande von Bedrängungen der NS-Zeit nicht unberührt bleibt. Die Familie verlässt die Dienstwohnung, zieht nach Traunstein, von Benedikt später als seine eigentliche Heimatstadt bezeichnet. „In Traunstein habe ich die großen religiösen Erfahrungen erleben dürfen, die mir den Weg ins Leben hinein gezeigt haben“, bekennt er.

Die Familie bezieht ein 1726 er-bautes Bauernhaus im Flecken Hufschlag am Rande der Stadt. Die Lebensumstände sind bescheiden. Es gibt kein fließendes Wasser, geschweige denn ein Bad. Doch das Anwesen im alpenländischen Stil ist für die Kinder ein wahrer Abenteuer-spielplatz: mit Kammern und Schuppen, einem Brunnen und zwei Gärten sowie dem nahen Wald. „Wenn wir am Morgen die Vorhänge öffneten, standen vor uns greifbar der Hochfelln und der Hochgern“, erinnert sich Benedikt an die beiden Berge. Doch so schön die abgelegene Idylle ist: Es sind zweieinhalb Kilometer Fußmarsch bis zum Gymnasium, das „Ratz“, wie ihn seine Schulfreunde damals nennen, besucht. Latein und Griechisch sind seine Lieblingsfächer, Sport steht dagegen am Ende der Beliebtheitsskala.

Doch bald ist die Jugend vorbei. 1941 wird Ratzinger in die Hitler-Jugend (HJ) zwangseingegliedert, 1943 als Flakhelfer eingezogen, um das von alliierten Bombern heimgesuchte München zu schützen, im Dezember 1944 zur regulären Wehrmacht. Getötet hat er dabei nach eigenem Bekunden aber niemanden.

Und doch ist es eine Zeit, die ihn mehr als 60 Jahre später, nach seiner Wahl zum Papst, einholt. Während „Bild“ die legendäre Schlagzeile „Wir sind Papst“ prägt und die linke „taz“ nicht minder geistvoll „Oh, mein Gott!“ dichtet, erscheinen in ausländischen Boulevardblättern Fotos vom neuen Nachfolger Petri in den Uniformen des Dritten Reiches.

Sogar der seriöse Londoner „Independent“ steuert eine ganze Seite über die Ermordung ungarischer und polnischer Juden in Traunstein bei. „In seiner Biografie erwähnt er Todesmarsch und Massaker nicht“, kritisiert die Zeitung. „Dabei durfte es gerade in dieser Gegend schwierig gewesen sein, nichts mitzubekommen.“ Allein geografische Nähe soll Mitschuld suggerieren.

Dabei entfernt sich der gerade einmal 18-Jährige noch vor Kriegsende 1945 aus der Kaserne – fanatische Nazis hätten ihn als Deserteur wohl erschossen. Doch so wird er daheim, bei den Eltern, in Uniform von den Amerikanern entdeckt, inhaftiert, aber bereits im Juni 1945 wieder freigelassen.

Primiz in alter Wirkungsstätte

Er studiert Theologie, empfängt im Freisinger Dom die Priesterweihe aus den Händen des greisen Kardinals Faulhaber, dem er einst als Kindergartenbub zugejubelt hat. Seine erste Messe in der Heimatpfarrei, die Primiz, feiert er im Juli 1951 in der Traunsteiner Pfarrkirche, in der er 1937 gefirmt wurde.

Die Kirche mit der beachtlichen Raumwirkung geht auf einen mittelalterlichen Bau zurück, der 1342 erstmals erwähnt wird, die jetzige Ausstattung entsteht Ende des 17. Jahrhunderts. 2007 wird vor dem Haupteingang eine Bronzebüste des berühmten Primizianten aufgestellt.

Studium und Professuren führen ihn nach der Primiz für viele Jahre aus seiner Heimat weg. Bis 1968. Ratzinger ist Professor für Dogmatik in Tübingen. Doch die Studentenunruhen machen auch vor theologischen Fakultäten nicht Halt. „Weil ich meine Theologie in einem weniger aufregenden Kontext weiterentwickeln und mich nicht in ein ständiges Kontra hineindrängen lassen wollte“, wechselt er 1969 an die neue Hochschule im ruhigen Regensburg.

Da sein Bruder Georg dort Dom-kapellmeister und Leiter der Domspatzen ist, wird die Familie nun wieder komplett vereint; Schwester Maria führt den Brüdern den Haushalt. 1970 zieht Ratzinger mit ihr nach Pentling, eine 6000 Einwohner zählende Gemeinde fünf Kilometer vom Stadtzentrum. So abgelegen, dass sie in den ersten Jahren nicht einmal eine Adresse hat. Erst später firmiert sie als Bergstraße 6.

Hier ist Ratzinger noch zu Beginn seiner Amtszeit als Papst gemeldet. Denn obwohl Staatsoberhaupt eines fremden souveränen Landes, des Vatikanstaates, ist er rechtlich doch weiter Bürger der Bundesrepublik Deutschland. Auch eine Form doppelter Staatsbürgerschaft.

Als Papst kehrt er 2006 nach Regensburg zurück und macht dabei weltweit Schlagzeilen. Seine als historisch angelegte Rede zum Verhältnis der Religionen wird zum diplomatischen Fiasko. Ganz Wissenschaftler, zitiert Benedikt darin eine Äußerung des byzantinischen Kaisers Manuel II. aus dem Jahre 1391: „Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst Du nur Schlechtes und Inhumanes finden.“ Ohne den Argumentationszusammenhang verbreitet, führt sie in islamischen Staaten zu öffentlichem Aufruhr. Zuhause jedoch ist der Bayern-Besuch ein Triumphzug.

Als Benedikt 2013 als erster Papst seit 1294 zurücktritt, da hofft mancher vor Ort, er kehre nach Bayern zurück. Doch obgleich er auch als Papst Kontakt zu seiner alten Heimat hält, im Vatikan zuweilen Delegationen aus Bayern empfängt, entscheidet sich Benedikt für Rom. Das Kloster Mater Ecclesiae wird zu seinem Wohnsitz umgebaut. Erstmals seit 700 Jahren leben nun zwei Päpste gemeinsam im Vatikan.

Benedikts neuer Titel lautet „Emeritierter Papst“, seine offizielle Anrede bleibt „Heiliger Vater“. Doch er selbst möchte lieber als „Vater Benedikt“ angesprochen werden. Bescheiden, wie sein irdisches Wirken vor 91 Jahren in Bayern beginnt.