Zeitreise

Wagners Wegbereiter

Das erste öffentliche Wagner-Denkmal der Welt wurde 1887 in Mannheim aufgestellt, der erste Wagner-Verband 1871 hier gegründet und seine Statuten sind im Grundstein des Festspielhauses in Bayreuth mit eingemauert. Ein Rückblick aus Anlass der nächste Woche beginnenden Wagner-Tage.

Er war „aufs äußerste empört über diese entsetzliche Musik“. 1853, gerade 22 Jahre alt, schreibt Emil Heckel das, nachdem er in Karlsruhe die „Tannhäuser“-Ouvertüre von Richard Wagner hört. Und doch wird aus dem Mannheimer nicht nur einer der glühendsten Verehrer der Musik dieses Komponisten, sondern auch wichtigster Wegbereiter der Aufführungen von Wagners Werk in der Quadratestadt wie auch des Baus des Bayreuther Festspielhauses.

Heckel wird am 22. Mai 1831 in Mannheim geboren, am gleichen Tag also wie Wagner. Der ist aber 18 Jahre älter. Emils Vater Karl Heckel betreibt seit 1821 in den Quadraten ein Kunst-, Instrumenten- und Musikalienhandelshaus, das – wenn auch unter anderen Eigentümern – immerhin bis 1987 fortbesteht.

In dieses Geschäft tritt Emil Heckel 1857 ein. Im gleichen Jahr heiratet er Marie Mühldorfer, die Tochter von Joseph Mühldorfer. Der ist in jenen Jahren ein „weit über die Quadratestadt hinaus berühmter Theatermaler und -maschinist“, wie Liselotte Homering ihn beschreibt, an den Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen Abteilungsleiterin Theater- und Literaturgeschichte. Mühldorfer ist es auch, den Wagner (lange vor der Verbindung zu Heckel) fragt, ob sich seine Idee für das Mammutwerk „Der Ring des Nibelungen“ überhaupt technisch umsetzen lässt. Schließlich tritt in dem Werk der Rhein über die Ufer, fauchen riesige Drachen, geht die Welt unter.

„Wie Faust dem Mephisto“

Doch in Mannheim erklingen die Werke Wagners zu jener Zeit nicht – und wenn, dann selten und nicht komplett. Hier dirigiert nämlich im Nationaltheater (damals im Quadrat B 3) Vincenz Lachner. Der Erste Kapellmeister steht Wagners Musik „mit einer gewissen Skepsis gegenüber“, so Homering. Zudem umfassen Ensemble und Orchester nicht genug Mitglieder für die Mammutwerke. Lachner kürzt also die Partituren – „Striche“ nennt man das.

„In meiner Vaterstadt fand zu jener Zeit die neue Kunst keine Pflege“, bedauert Emil Heckel daher in einem Brief. In Karlsruhe dagegen hört Heckel, zehn Jahre nach „Tannhäuser“, wieder mal Wagner – „den „Walkürenritt“, vom Komponisten selbst dirigiert. Das macht auf ihn „mächtigen Eindruck“, wie er schreibt. Und die Uraufführung der „Meistersinger“, die er 1768 in München erlebt, begeistern ihn vollends. „Einen größeren Enthusiasten für dieses Werk konnte es nicht mehr geben“, bekennt Heckel in seinen „Erinnerungen“ und betont: „Von diesem Augenblick an war ich Wagner verschrieben wie Faust dem Mephisto sich verschrieben“.

Heckel schreibt daher an Wagner, „dass Sie mich zu den Freunden Ihrer Kunst zählen mögen“. Und nicht nur das: „Was ich zum Gelingen Ihres grossen nationalen Unternehmens beitragen kann, wird nach Kräften geschehen, und ich erwarte weitere Mitteilungen, was in erster Reihe zu thun ist“, so Heckel. Und er tut viel – auf mehreren Ebenen.

So gründet er offiziell am 1. Juni 1871 mit Zustimmung des Komponisten den weltweit ersten Richard-Wagner-Verein. Die „Geburtsstunde“, so Alexander Wischniewski, Schriftführer im Vorstand des Richard-Wagner-Verbandes Mannheim-Kurpfalz, schlägt aber bereits ein paar Monate früher – am 30. April, als im Pianofortesaal der Heckel’schen Musikalienhandlung ein Konzert mit dem gerade fertiggestellten „Kaisermarsch“ Richard Wagners gegeben wird.

Patronatsscheine verkauft

Heckel übernimmt den Vorsitz des neuen Vereins, bildet mit zwei Musikern des Hoftheaters, einem Mannheimer Arzt und einem Freund aus Worms den Vorstand. „Fünf Gerechte“ nennt Wagner sie, bezeichnet Heckel als seinen „Strategen“, während der Musikalienhändler den Komponisten unterwürfig „Meister“ anspricht. „Selbst in den aussichtslosesten Zeiten standen diese fünf Mannheimer Schlüsselfiguren unverdrossen zu Wagners Vorhaben“, weiß Homering.

Aber Heckel stellt sich sogar geschickter an als der „Meister“. Der strebt ja die Gründung von Wagner-Vereinen deshalb an, um 1000 Förderer zu finden, die mit Patronatsscheinen zu jeweils 300 Talern die Finanzierung des Festspielhauses in Bayreuth ermöglichen – und deren Inhaber Anrecht auf Karten haben.

Heckel indes wendet sich nicht allein an die Oberschicht. Er bietet an, dass Bürger durch kleinere Zahlungen Anteile an den Patronatsscheinen erwerben können. „Durch ein Losverfahren wurden auf diese Anteile Einzelkarten für die ersten Festspiele vergeben“, erläutert Homering dieses demokratischere, basisnähere Modell. Es hat Erfolg: Über 700 Mitglieder zählt der Verein bald. Und immerhin 51 000 Taler umfasst der Betrag aus Mannheim für das Festspielhaus in Bayreuth, das ist ein Siebtel der Gesamtbausumme.

Vermittlung beim König

Über das Geld hinaus investiert Heckel „Unmengen von Zeit als zum Teil sehr diplomatisch agierender Mitstreiter“ von Wagner für das Großunternehmen „Festspielhausbau“. Alle Rechnungen gehen über den Tisch des Musikalienhändlers, da der Komponist ihn zu einem von zwei Revisoren ernennt. Heckel vermittelt auch zwischen Wagner und dem bayerischen König Ludwig II., damit er mit Geldmitteln hilft.

„Ohne Mannheimer Unterstützung hätte es Bayreuth nicht gegeben“, unterstreicht daher Monika Kulczinski, Präsidentin des Richard-Wagner-Verbandes Mannheim-Kurpfalz. Heckel zählt nicht nur, wie Homering berichtet, zu den wenigen Gästen der Grundsteinlegung für das Festspielhaus am 22. Mai 1872, die den Grundstein „mit festen Hammerschlägen einmauern dürfen“. Es gelingt ihm dabei, in die Kapsel – und damit für alle Ewigkeit – sogar noch die Statuten des Mannheimer Wagner-Vereins zu legen. Zudem ernennt Wagner Heckel zum Ehrenpatron, beruft ihn in den Verwaltungsrat der Festspiele. Nur diese Position steht auch auf dem bis heute erhaltenen Grabmal des 1908 verstorbenen Geschäftsmanns.

Bürger leiten Theater

Heckel kämpft jedoch nicht allein mit, so Homering, „missionarischem Eifer“ für Bayreuth, sondern er will zudem mehr Wagner in Mannheim hören. Da erweist es sich als günstig, dass er in einer Schlüsselposition sitzt. 1839 bis 1899 wird das Nationaltheater nämlich nicht von einem Intendanten geführt, sondern von einem Hoftheaterkomitee aus drei Bürgern, die der Gemeinderat wählt.

Heckel drängt den „Oberregisseur“, der dem Komitee untersteht, mehrfach, Wagners Werke aufzuführen. Im April 1879, bei der Mannheimer Erstaufführung der „Walküre“, kommt es gar beim Feuerzauber im Finale zu einem echten Feuer, weil die Gaslampen die roten Schleier in Brand setzen. „Ungemein echt“ urteilt das Publikum im ausverkauften Haus, das nur deshalb von keiner Panik erfasst wird, weil der Dirigent weiter spielen lässt. Allerdings enden die Aufführungen mit einem Defizit, weshalb Heckel zurücktreten muss. 1882 wird er erneut berufen, bis es 1889 um „Tristan und Isolde“ Querelen gibt und er daher das Amt erneut aufgeben muss. Damit endet die Ära der Bürgerkomitees.

Wie der Topf ein Deckel

Aber Heckels Engagement geht noch viel weiter. „Mit einiger Hartnäckigkeit“, so Homering, versucht er, den Komponisten nach Mannheim zu holen und für ein Konzert zu gewinnen. Im Dezember 1871 gelingt es. Wagner logiert im „Hotel de l’Europa“ im Quadrat Z 2,13 (heute im Jungbusch, einst zu den Quadraten gezählt). Zwei Abende wird geprobt, dann folgt das Konzert im großen Saal des Nationaltheaters (damals in B 3) in Anwesenheit des Großherzogs und des Philosophen Friedrich Nietzsche, der danach schwärmt: „Das ist Musik und nichts sonst!“

Das Hoforchester ist mit seinem 44 Musikern dafür indes zu klein, es muss durch Karlsruher Kollegen aufgestockt werden. „Das Konzert war für den Verein ein überwältigender Erfolg. Heckel konnte die zahlreichen Kartenwünsche nicht erfüllen – ein Problem, das wir heute bei so manchen Veranstaltungen unseres Verbandes ebenso kennen“, sagt Wischniewski dazu schmunzelnd.

Beim zweiten Besuch Wagners in Mannheim 1872 logiert der Komponist nicht im Hotel, sondern bei Heckel selbst. Da schenkt der Komponist seinem Gastgeber seine Schrift „Über Schauspieler und Sänger“ und versieht sie mit einem in Mannheim zum Sprichwort gewordenen, höchst anerkennenden Spruch: „Hat jeder Topf seinen Deckel, der Wagner seinen Heckel, dann lebt sich’s ohne Sorgen, die Welt ist dann geborgen.“ Zum dritten und letzten Mal weilt der Komponist am 13. Juli 1877 in den Quadraten, wieder bei Familie Heckel, und liest erste Auszüge aus seinem Libretto des „Parsifal“ vor, der wenige Tage später, am 26. Juli 1882, seine Uraufführung in Bayreuth erlebt.

Aber Wagner soll auf ewig in Mannheim präsent sein, meint Heckel – und plant daher ein Denkmal. In einer Nische der Fassade seines Hauses an der Kunststraße in O 3,10 will er eine kolossale Büste aufstellen lassen. Er beauftragt den Mannheimer Bildhauer Johannes Hoffart, der auch die beiden Denkmäler für Karl Friedrichs von Baden und Karl I. Ludwig von der Pfalz vor dem Schloss, die „Amphitrite“ auf dem Wasserturm sowie die Kreuzigungsgruppe der Christuskirche geschaffen hat. Die festliche Enthüllung am 15. September 1887 findet „unter großer Anteilnahme der Bevölkerung statt“, wie Homering alten Fotos entnimmt. Es ist „das erste öffentliche Denkmal der Welt für Richard Wagner“, so die Abteilungsleiterin des Museums – aber seit dem Zweiten Weltkrieg verschollen.

Ungebrochene Begeisterung

Doch die Mannheimer Wagner-Begeisterung ist ungebrochen. Die „Parsifal“-Fassung von 1957 wird seither unverändert – und stets ausverkauft – gegeben. Sie gilt als älteste noch gespielte Operninszenierung im deutschsprachigen Raum und drittälteste weltweit. Regelmäßig nimmt sich das Nationaltheater des „Rings“ an. Ein Spielplan ohne Wagner ist undenkbar, und viele Mannheimer Sänger sowie Orchestermitglieder werden regelmäßig für Aufführungen auf dem „Grünen Hügel“ in Bayreuth engagiert.

Nicht zu vergessen der Wagner-Verband. Dabei haben er und Heckels Verein „streng genommen nichts miteinander zu tun“, wie Wischniewski anmerkt. Denn wenn auch – von Mannheim ausgehend – weitere Vereine in Berlin, München, Weimar, Prag, Wien, London und New York folgen, müssen sie auf Wunsch des Komponisten aufgelöst werden, als der Bau des Festspielhauses als Vereinsziel erreicht ist.

In Mannheim passiert das 1901. Aber es entsteht 1911 wieder ein „Richard-Wagner-Verband deutscher Frauen“. Die vom Komponisten stammende Grundidee: Junge Künstler und Studenten erhalten als Stipendiaten finanzielle Unterstützung, um die Festspiele in Bayreuth zu erleben – denn Wagner will die Entkommerzialisierung der Kunst und somit unentgeltlichen Zutritt zu möglichst vielen Vorstellungen.

Bewusst kein Ehrenbürger

Erste Vorsitzende ist Julie Laatsch, es folgen Wilma Schmitz und dann Industriellen-Gattin Helene Röchling. Ab 1968 steht für 45 Jahre Ilse Hannibal an der Spitze, sie öffnet den zuvor Frauen vorbehaltenen Verein den Männern. 2014 folgt ihr mit viel Engagement Monika Kulczinski. Sie initiiert zunächst eine Spendenaktion zur Rettung der „Fledermaus“-Inszenierung, die 27 000 Euro ergibt, erzielt dann 35 000 Euro an Spenden für die Restaurierung des historischen „Parsifal“-Bühnenbilds.

Jährlich schickt der über 630 Mitglieder zählende Verband vier Stipendiaten nach Bayreuth. „Aber wir blicken über den Tellerrand hinaus“, betont Wischniewski. Man wisse um die antisemitische Haltung Wagners wie auch Heckels, „der wir deutlich entgegentreten“, hebt er hervor. Bewusst fördere der Verband das Internationale Opernstudio, bringe in seinen Konzertprogrammen vielfältige Komponisten zu Gehör, oft bewusst Felix Mendelssohn Bartholdy, ergänzt Kulczinski. „Wagners Musik ist fantastisch, wir lieben sie, wir lieben Bayreuth, aber leugnen auch nicht Facetten in Wagners Leben, die man total ablehnen muss“. Bewusst sind nach Heckel und Wagner in Mannheim „nur“ Straßen benannt – die Ehrenbürgerwürde für Heckel wird 1907 zwar vom Gemeinderat diskutiert, aber verworfen.