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Aufrecht

Archivartikel

Aufrichtigkeit ist eine gute Sache. Auf wen sonst sollten wir uns verlassen, wenn nicht auf aufrichtige, aufrechte Mitmenschen? Tatsächlich ist hier eine Haltung im doppelten Sinn gemeint: Wer gerade, aufrecht dasteht, lässt sich auch moralisch nicht verbiegen. Solches hatte der Philosoph Ernst Bloch im Blick, wenn er schrieb, der aufrechte Gang werde am letzten gelernt. Der Sozialphilosoph Oskar Negt hat eine Streitschrift für eine neue Schule so betitelt: „Philosophie des aufrechten Ganges“. Das erste Kapitel heißt vielsagend „Das Gehäuse der Hörigkeit aufsprengen“! Doch bedeutet das nicht, dass es mit gerader Haltung schon getan wäre. Der Orthopäde Moritz Schreber (1808-1861)entwickelte einen Geradhalter, der am Tisch sitzende Kinder in eine aufrechte Haltung bringen, besser: zwingen sollte und vertrat eine strenge, oft „schwarz“ genannte Pädagogik. Dass man Schrebers Namen heute vor allem mit Kleingärten verbindet, birgt Ironie, wird in solchen Anlagen doch oft nicht aufrecht gearbeitet, sondern gekrümmt geschippt und geerntet.

Das nur am Rande, aber noch immer interessiert uns der aufrechte, dann auch moralisch einwandfreie Gang. Jetzt kommt „Udo“ ins Spiel. Der so genannte, etwa ein Meter große Primat aus dem Allgäu hat es nämlich zur Museumsreife gebracht. Im Schloss Hohen(!)tübingen wird nun sein Fall beleuchtet, der vergangenen Herbst als archäologische Sensation vermeldet wurde: Das Wesen, von dem man Knochen fand, dürfte aufrecht gegangen sein und legt nahe, dass dieser Gang in Europa, nicht in Afrika erfunden oder entwickelt wurde. Dass dies als kulturkonservativer Trost taugen kann, da man jetzt doch immer hört, Europa werde künftig nur noch eine marginale Rolle in der Welt spielen, sei nur der Vollständigkeit halber noch vermerkt. Thomas Groß