Zeitzeichen

Blöde Mondgesichter

Archivartikel

Trotz Donald Trump, der seinen Mitteilungsdrang mit in die Welt hinausgefeuerten Kurznachrichten erleichtert – digitale Kommunikation ist eigentlich was Schönes. Egal, wo man sich gerade aufhält, im Zug, in der Kneipe, im Wartezimmer, kann man mit seinen Bekannten in Verbindung treten.

Trotzdem darf hier ein kleines Lamento auf die gute alte Zeit des „analogen“ Briefeschreibens – auf Papier und mit Kugelschreiber oder Füller – erlaubt sein. Denn damals war jeder handgeschriebenen Mitteilung schon im Schriftbild die Seelenlage des Absenders oder der Absenderin anzusehen. Krakelig etwa vom Krankenhaus aus, mit schwungvollem Duktus nach bestandener Prüfung oder in kleinen Lettern, die vom Stimmungstief niedergedrückt waren – so zeigte sich auf den ersten Blick, wie es um den Verfasser stand. Beliebt waren einst in den Jugend- und Studentenjahren auch kleine Briefromane, die, über Tage hinweg auf mehreren Seiten verfasst, dem Adressaten das Auf und Ab zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt des Briefeschreibers schilderten.

Heute dagegen erscheinen solche Bekenntnisse in der steriler Typographie des Digitalzeitalters. Wer seine Gefühlslage zum Ausdruck bringen will, ist auf konfektionierte Bildschriftzeichen angewiesen: blöde Mondgesichter, sogenannte Emojis. Kein Vergleich zu den schnörkelreich gestalteten Liebesbriefen, die einem Freundinnen früher zuschickten. Und die rochen auch noch nach Parfüm. Das kann das beste Smartphone nicht – aber wer weiß, wie lange das noch so ist. Georg Spindler