Zeitzeichen

Das Virus im Kopf

Archivartikel

Sie nehmen ab, die launig-amüsierten Bildchen, Witznachrichten und zynischen Kommentare in Gesprächen und den sozialen Medien. Tat die überwiegende Mehrheit die staatlichen Maßnahmen, Desinfektionsvorschriften und Hygiene-Empfehlungen noch als blanke Hysterie ab, so ist man mittlerweile vorsichtiger mit Scherz, Satire und Ironie. Das Coronavirus lehrt uns das Fürchten. Nicht unbedingt in Form von echter Angst vor Ansteckung, deren Weitergabe und Folgen, aber immerhin in Form von unabwägbarer Unsicherheit, die Gesellschaft, Wirtschaft, Sport und Kultur durchdringt. Selbst bei Gesunden ist das Virus nun – zumindest bildlich – im Kopf angekommen. Ein Ort, an dem Journalisten sonst nur die Schere befürchten. Bei allem, was man in Redaktionen derzeit in die Hand nimmt, Terminvergaben, Themenvorbereitungen oder Ankündigungen, grätscht einem die Frage ins Hirn: „Was machen wir, wenn es nicht stattfindet?“ Eine Problemstellung, die längst keine journalistische mehr ist. Flüge, Hochzeiten, Urlaube, Seminare, Turniere, Kongresse und Messen ... Ist das schon abgesagt oder findet das noch statt? Stündlich, ja minütlich werden die entsprechenden Portale aufgerufen, wird bei Ausrichtern angerufen. Die Information ist bekanntlich nur so viel wert wie die Verweildauer ihrer Gültigkeit. Kann oder muss man das stornieren? Was ist mit Alternativterminen, entstandenen Kosten? Der Versuch, sich davon abzulenken, scheitert beim zweiten Satz eines Gesprächs. „Eigentlich wollte ich... aber keine Ahnung, ob... wenn aber ...“ Es bleibt kein Trost, außer dem allgemeingültigen „Warten wir’s ab und hoffen das Beste!“