Zeitzeichen

Der stumme Thilo

Archivartikel

Wie findest du eigentlich das neue Stück am Nationaltheater“, frage ich Thilo in seinem Wohnzimmer und der Erwartung einer angeregten Unterhaltung. Und was macht Thilo? Er sitzt einfach nur da. Er sagt nichts. Er rührt sich nicht. Er macht nicht einmal den Eindruck, er habe die Frage gehört, geschweige denn verstanden. „Die ,Orestie’, Mann, das Megastück des Aischylos, das sie jetzt – endlich mal wieder – am Nationaltheater am Goetheplatz spielen?“

Stille.

„Zigarette?“ Ich biete ihm eine an und halte ihm die Schachtel Filterlose direkt vor die Nase. Normalerweise wirkt das. Aber: keine Reaktion. Nichts. Niente. Nothing. „Thilo, Thihihielo! Du kannst doch nicht einfach einen deiner treuesten Freunde ignorieren, der dich immer unterstützt und dir immer, wirklich immer die Stange gehalten hat, wenn es dir mal dreckig ging, ich meine, ich bin jetzt auch extra die vier Kilometer mit dem Fahrrad durch den strömenden Regen durch die Neckarstadt zu dir gefahren, um dir diese einfache Frage zu stellen! Ich bin nass bis auf die Knochen, ich will eine Antwort, du warst doch in dieser verdammten ,Orestie’, in der sie sich abschlachten, oder?“

Nichts.

Und da sehe ich es: Thilo liest wieder in diesem komischen Ratgeber von Henriette. Seite 111: „Auf der Suche nach Glück experimentieren wir dauernd mit neuen Dingen, optimieren und jagen dem Glück hinterher – aus Angst, es zu verpassen. Tipp: Bleib einfach stehen und warte und warte und warte, bis das Glück dich findet. Mit einer kleinen Meditation lässt du das Glück zu dir herein, indem du in der Hektik des Alltags zur Ruhe und zu dir selbst kommst etc. pp. …“ Ach, Thilo!