Zeitzeichen

Ein bisschen Deutsch

Archivartikel

Deutsche Sprache, verzwickte Sprache! Zu dieser Erkenntnis kommen nicht nur Ausländer – manchmal auch Einheimische, wenn sie bei einem Arbeitsblatt aus dem Deutschkurs für Fortgeschrittene helfen wollen: „Beiß nicht nur ein Bisschen vom Apfel ab, sonst bekommst Du nur ein bisschen Vitamine“, steht in Großbuchstaben auf dem Übungszettel. Liest sich irgendwie kryptisch. Ziemlich lange dauert es, bis dämmert, dass die großgeschriebene Variante „ein Bisschen“ einen „kleinen Bissen“ meint, während der kleingeschriebene Abkömmling „ein bisschen“ im Sinne von „wenig“ steht. Soweit, so klar, wenn da nicht der Hinweis wäre, dass sich „bisschen“ nicht steigern lässt. Was soll das schon wieder bedeuten? Ach ja, unsere Grammatik kennt sehr wohl „wenig“ , „weniger“ , „am wenigsten“ – sie verschmäht aber die Dreierdynamik „bisschen“, „bisschener“ , am „bisschensten“.

Wie sollen Deutsch-Lerner verstehen, so überlegt die Muttersprachlerin, dass seit mehr als drei Jahrzehnten „ein bisschen Frieden, ein bisschen Freude“ von Nicole besungen wird, die Schlagerphilosophie von Roberto Blanco „ein bisschen Spaß muss sein“ lautet, ein Film-Titelsong „ein bisschen für immer“ beschwört, es aber weder „ein bisschen schwanger“ noch „ein bisschen tot“ gibt. Dafür sprechen wir gern von „diesem bisschen Leben“ , in dem „ein bissel was immer geht“, wie wir von dem legendären Monaco Franze wissen. Ach du liebes bisschen! Bekanntlich ist ein bisschen verrückt völlig normal – auch in der Sprache. Waltraud Kirsch-Mayer