Zeitzeichen

Empörung

Archivartikel

"Empört euch“, lautete vor neun Jahren der Titel einer Schrift des französischen Autors und ehemaligen Widerstandskämpfers Stéphane Hessel. Heute leisten ihm immer mehr Folge, wenn auch in etwas anderer Weise, als Hessel sich das dachte, der zum Protest gegen politische Entscheidungen im Zusammenhang mit der Finanzkrise aufgerufen hatte. Und schon zuvor, als der Philosoph Peter Sloterdijk seine „Regeln für den Menschenpark“ vortrug, wurde klar vernehmlich Empörung artikuliert – man rief pointiert gesagt „aufhängen“, da Sloterdijk angeblich zur Menschenzüchtung per Biotechnologie geraten hatte; die Sache tiefer hängen, zur Gelassenheit mahnen, taten nur wenige. Heute aber darf man angesichts rapider biotechnologischer Fortschritte fragen, wann die von Sloterdijk eigentlich empfohlene philosophische Debatte endlich beginnt.

Empört wird sich auf vielen Feldern; von sozialen Medien muss man da nicht reden, es reicht ein Blick auf die hessische Filmförderung, deren Leiter Hans Joachim Mendig, wie berichtet, gehen muss, weil er sich mit AfD-Chef Meuthen – wie Mendig sagt: privat – getroffen hatte. Für untragbar hielten ihn sogleich zahlreiche Filmschaffende und protestierten, woraufhin auch Hessens Kunstministerin Angela Dorn schwere Bedenken gegen den Filmförderer hegte – gegen einen Mann wohlgemerkt, der schon von Amts wegen nicht nur Freunde hat. Eine abwägende Diskussion sieht anders aus, die Empörung siegt – und die AfD hat einen Grund mehr, sich über die angeblich einseitige Kulturszene zu mokieren.