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Filmreif

Archivartikel

Eigentlich stehen die Deutsche Bahn betreffende Sachverhalte ja eher unter den Rubriken Politik oder Wirtschaft. Wie aber, wenn die Bahn einen Irrtum einräumt, es dabei auch um Sport sowie generell um Fragen von Wahrheit und Täuschung geht und schließlich noch ein Spielfilm zum Zuge kommt? Dann darf sich wohl auch die Kultur gefordert sehen, also sei hier nun mitgeteilt, was die Deutsche Bahn jetzt eingeräumt hat: Der „Weltmeisterzug“ von 1954, den sie im Jahr 2006 quer durch Deutschland fahren ließ, einmal sogar mit dem damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler als Fahrgast – man erinnert sich: „Sommermärchen“ und so –, er ist lediglich ein baugleicher Zug und nicht der eigentliche, echte gewesen, mit dem die Gewinner der WM von 1954 aus Bern zurückfuhren.

In der Euphorie des „Sommermärchens“ seien offenbar die Fakten nicht korrekt dargestellt worden, räumt man nun kleinlaut ein und fügt hinzu: „Wir bitten die Fußballfans um Entschuldigung.“ Tatsächlich ist das Original wohl längst verschrottet worden. Und der Film? Was vor zwölf Jahren werbewirksam durch die Lande fuhr, war ein Zug, der für den Spielfilm „Das Wunder von Bern“ nach dem Original bemalt und mit dem Schriftzug „Fußball-Weltmeister 1954“ versehen wurde. Eigentlich filmreif das Ganze, ein nettes Stück über Originale, Täuschung und die ganze Wahrheit ließe sich daraus drehen, mit einem Wort: ein sehr menschlicher Film.

Als Regisseur käme Sönke Wortmann infrage, schließlich hat der schon „Das Wunder von Bern“ sowie die WM-Dokumentation „Deutschland. Ein Sommermärchen“ inszeniert. Und in seinen Filmkomödien bewies er auch regelmäßig viel Sinn für allerlei menschliche Schwächen und Versehen. Thomas Groß