Zeitzeichen

Fleisch-Fischel

Archivartikel

Tatsachen gebe es nicht, nur Interpretationen, soll Nietzsche gespöttelt haben. Ob der streitbare Philosoph damit fantasievoll gedeutete Fastenspeisen im Sinn hatte? Bekanntlich ist vor der Erfindung der „V“-Lebensform (will heißen: vegetarisch und vegan) eher ein Kamel durch ein Nadelöhr geschlüpft als Fleisch aus dem Speisezettel gehüpft.

Weil nicht nur die Wege des Herrn unergründlich, sondern auch die Ränke des Menschen unerschöpflich sind, hat es einst zwischen Aschermittwoch und Ostern reichlich Sünden mit keuscher Hülle und köstlicher Fülle gegeben. Beispielsweise Maultaschen: außen Teig, innen Hack. Die meisten „Herrgottsbescheißerle“, wie der Volksmund erstaunlich ehrlich formuliert, waren freilich eher zoologischer Bluff: Beispielsweise mutierten Biber aufgrund ihres schuppigen Schwanzes während der 40 Fastentage zu (erlaubten) Fischen. Von wegen Zeitungsente, an Teichen lebendes Federvieh verwandelte sich nach Karneval flugs in Wassertiere. Und da Gott an einem Tag Vögel wie Fische schuf, schafften es Hühner vom Geflügel in die Gewässerspezies – was beim Suppenhuhn geradezu einleuchtet. Über solch tierisch kühne Mogel-Interpretationen mögen wir uns rückblickend lustig machen oder gar mokieren.

Und heutzutage? Wer weiß, vielleicht kommt bald eine Bio-Genschere in Mode, die verpöntes „Fleisch“ buchstabengetreu in ein harmloses „Fischel“ verwandelt. Waltraud Kirsch-Mayer