Zeitzeichen

Flirrend

Archivartikel

Wer dieser Tage, aus welchen Gründen auch immer, mal wieder in dem Camus-Roman „Der Fremde“ liest, spürt die darin so grandios beschriebene flirrende Hitze fast körperlich. Schließlich hat uns Schwüle jenseits der 30 Grad ziemlich aufgeheizt. Solch schweißtreibende Temperaturen haben wohl geherrscht, als Friedrich Nietzsche – für seine plastischen, aber nicht immer philosophischen Vergleiche so berühmt wie berüchtigt – einem Freund schrieb: „Ich denke Sie mir im Zimmer sitzen, mehr Omelette als Mensch.“ Wie wunderbar treffend! Vermutlich hat in den letzten Tagen so manch einen oder eine das Gefühl beschlichen, Rührei statt Ratio im Kopf zu haben. Nicht von ungefähr spottete einst Mark Twain, im Sommer sei es zu heiß, das zu machen, wozu es im Winter zu kalt war. Dabei haben wir noch Frühling. Tja, die Jahreszeiten sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren! Mörikes blaues Poesie-Band flattert mit braunen Hitzeflecken in den Lenz-Lüften.

Klar, „Manche mögen‘s heiß“ – aber bitte schön auf der Mattscheibe als x-te Wiederholung mit Marilyn Monroe, Tony Curtis und Jack Lemmon. „Lebst Du oder klebst Du?“ lautet der Spruch von Aufklebern, die momentan gleich mediterranen Kräutern „sprießen“. Schwitzen hin, Hitzestarre her: Vielleicht sollten wir es wie die allseits bekannte (Bilderbuch-)Feldmaus Frederick halten, die Sonnenstrahlen und Farben sammelt – für all die düsteren Tage. Und davon gibt es mehr als genug.