Zeitzeichen

Freizügig

Neulich war im Kulturteil dieser Zeitung von einem Buch die Rede, das deutsche und französische Besonderheiten vergleicht. Körperliche Freizügigkeit, so hieß es dort, sei eher eine deutsche Besonderheit, was an nackten Sommersonnenanbetern im Berliner Tiergarten demonstriert war. Dabei spukte doch besonders in deutschen Knabenköpfen früher ein gegenteiliges Bild herum, jedenfalls bezüglich französischer junger Frauen, genährt auch von kuriosen Kinofilm(ch)en. Dass aber schon ebenfalls früher der Englische Garten in München ein Örtchen war, das demonstrieren konnte, wofür nun der Tiergarten ein Beispiel geben soll, stimmt schon auch.

Es stellt sich freilich die Frage, ob das Verständnis von Freizügigkeit in diesen Zusammenhängen dasselbe ist. In europäischer Perspektive ist ebenfalls davon die Rede. Bürger der EU können nämlich innerhalb derselben frei reisen, wohnen, studieren oder arbeiten. Vor einiger Zeit entstieg ein solcher Bürger einem Fernbus am Bahnhof unserer Stadt; er stellte sich sodann an eine Verkehrsampel, um sich öffentlich zu erleichtern. Eine Form von Freizügigkeit ist auch das - zudem eine, die uns lehrt, dass diese nicht nur Vorteile hat. Um das festzustellen, muss man übrigens keineswegs ein gesitteter Franzose sein. (Thomas Groß)