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Gehobenes Leben

Archivartikel

Mit fremdsprachigen Ausdrücken ist das so eine Sache, vor allem dann, wenn man sie wortwörtlich nimmt und damit messerscharf den Sinn verfehlt. Man nehme das englische „High Life“, was zunächst exakt „hohes Leben“ bedeutet. Klarerweise ist damit meistens etwas minimal Anderes gemeint, ein gehobenes Dasein nämlich, Leben im großen Stil, Prasserei und solche Sachen. In der eigenen Jugend konnte man mit der Aussage: „Da drüben ist High Life“ große Aufmerksamkeit erregen; man behauptete so, an einem bestimmten Ort sei etwas gegeben, das eine Teilnahme absolut lohnend erscheinen lässt. Und was soll es nun heißen, wenn der neue Film der französischen Regisseurin Claire Denis, der soeben in die Kinos kam, „High Life“ heißt? Der Film ist ein hochkarätig besetzter Science-Fiction und spielt im Weltraum; dort oben fristen Straffällige auf einem Raumschiff ihr Dasein. Sie leben in der Höhe, haben aber, da sie auf ein Schwarzes Loch zusteuern, weniger ein gehobenes als vielmehr ein sehr riskantes Dasein. Aber dieser besondere und sehenswerte Film hat noch eine weitere gehobene Dimension. Um Daseinszwecke insgesamt und den Fortbestand der eigenen Art geht es darin auch, und weil dies ästhetisch anspruchsvolles Kino ist, handelt es auch von Kunst. Noch andere Weisen, über den normalen Tellerrand hinauszuschauen, spielen eine Rolle, es geht auch um Wissenschaft, nicht zuletzt um astrophysikalische Fragen. Das ist durchaus gehobenes Niveau, und der Film heißt „High Life“ also ganz zu Recht.