Zeitzeichen

Giottos Erben

Archivartikel

Ausgedehnte Urlaubsreisen sind Umfragen zufolge out: Kurze Städtetrips werden immer beliebter. Doch wer unterwegs ist, möchte den Kontakt zu den Lieben daheim in aller Regel nicht verlieren. Also bieten sich Smartphone oder Handy als Mittel der Wahl an: Sie sind zum Telefonieren, aber auch als Schreibgeräte, als "Plattenspieler" - so hießen ganze Musikkommoden vor der Erfindung der CD - und Fotoapparate im Einsatz. Sie nehmen im Urlaub manchem Stress und Unannehmlichkeiten ab. Ob in der Schlange vor den Florentiner Uffizien oder im Gedränge bei der Generalaudienz des Heiligen Vaters auf dem Petersplatz in Rom: Wenn Besuchern aus aller Welt vor lauter Bäumen die Sicht auf den Wald verstellt ist und sie keine Zeit mehr erübrigen können, die Schönheiten fremder Städte mit eigenen Augen zu erkunden, springt das Handy ein.

Lästige und ermüdende Erkundungen werden überflüssig. Man schaut nicht mehr selbst, sondern überlässt es dem Smartphone. Hochgehoben über die Köpfe der Vorderleute wird draufgedrückt, fertig ist die Erinnerung, die zu Hause beim Display-Wischen vielleicht aufgefrischt wird. Hauptsache beim Fotografieren stimmten die zentrierte Richtung und Perspektive. Womit wir - der Gedanke drängt sich in Florenz auf - bei Giotto wären, dem Florentiner, der die Zentralperspektive in die Malerei einführte und sie aus der Zweidimensionalität erlöste. Aber wo Giotto und Nachfolger mit Beobachtung, Akribie und Fingerspitzengefühl ans Werk gingen, reicht heute der sanfte Druck aufs Smartphone, und alles ist im Kasten. Zentral und manchmal gar aus der richtigen Perspektive. Allerdings ist zu bedenken: Wer nur Augen fürs Smartphone hat, verpasst womöglich das wahre Urlaubsleben. (Harald Sawatzki)