Zeitzeichen

„Gipflig“

Nach dem Gipfel ist vor dem Gipfel. Ob als G 20-Gruppe wie kürzlich in Buenos Aires oder als UN-Klimabündnis wie derzeit in Kattowitz. „Gipflig“ gibt sich die Globalpolitik. Aber nicht nur Spitzenpersonal von Staatsregierungen oder Weltorganisationen präsentieren Konferenzen gern als Gipfelsturm – selbst wenn Ergebnisse eher flach ausfallen. Bei dem medienwirksamen Höhenflug mag die Kultur nicht zurückstehen und vermarktet Super-Tenöre wie Volksmusik-Stars bei „Gipfeltreffen“. Und genauso heißt im Bayerischen Fernsehen ein Talk in luftiger Höhe, bei dem der Musiker und Moderator Werner Schmidbauer mit einem Promi plaudernd einen Berg empor wandert. Mit einem ziemlich schrägen Gipfel soll das neue Jahre beginnen – jedenfalls haben Donald Trump und Kim Jong Un einen solchen für Januar angekündigt.

Wer weiß, vielleicht würde Theodor Storm heutzutage Knecht Ruprecht, der von drauß ‘ vom Walde herkommt, verkünden lassen: „Über den Tannenspitzen sah ich all die Gipfel blitzen!“ Möglicherweise bringt der Gesell am morgigen sechsten Dezember in seinem Gabensack jene Kipferl-Köstlichkeit mit, die im süddeutschen Dialekt wie bei Eidgenossen „Gipfel“ heißt. In der Vanille-Variante erweisen sich solcherart Hörnchen als die wahren Himmelstürmer: Auf der Beliebtheitsskala von Weihnachtsplätzen erklimmen sie alle Jahre wieder einen Spitzenplatz. Und das schon zu Zeiten, als sich ein Gipfel verbal noch als Güpfel erhob. Waltraud Kirsch-Mayer