Zeitzeichen

Goldschnitt

Archivartikel

Als es jetzt in der Serie dieser Zeitung „Was macht . . .“ um den Brockhaus ging, dürften manche Erinnerungen in den Sinn gekommen sein. In meiner Familie stand die erste ab 1952 herausgekommene Nachkriegsausgabe im Regal. Wenn wir Kinder die Hände gewaschen hatten, durfte in den Bänden geblättert werden. Uns faszinierten die Kunstdrucktafeln – wovon es in dieser 16. Enzyklopädieausgabe laut Verlag 800 gibt. Stundenlang inspizierten wir die Menschen-Modelle: mal als männlichen Körper mit Blick auf Eingeweide, dann wieder als aufblätterbare Frau, die sich je nach Innenansicht als Venennetz oder mit eröffnetem Schlund bis zum Wurmfortsatz präsentiert.

Einige Seiten dahinter bestaunten wir Porträtfotos zu Menschenrassen und überlegten, wie der Vater von Pipi Langstrumpf, damals „Negerkönig im Taku-Tuka-Land“ genannt, wohl aussieht. So richtig ins Staunen kommt die Betrachterin freilich erst heute: Bei „europiden Rassetypen“ wird zwischen einer Westfälin und Schwarzwälderin, einem Hessen und Badener unterschieden, warum auch immer.

Klar, mochten wir Mädchen die Tafeln mit bunten Paradiesvögeln oder exotischen Schleichkatzen. Unsere Lieblingsbilderseite war aber jene mit Schnabelkerfen: Weil diese Insekten so wunderbar gruselten – insbesondere die Rote Mordwanze mit Stechrüssel und Fangbeinen. Als Lesezeichen hat all die Jahre ein Info-Zettelchen mit dem Hinweis überdauert: „Klebende Blätter nicht feucht machen, sondern am Goldschnitt entlang streichen.“ Aber bitte schön nur leicht mit dem Daumen! Waltraud Kirsch-Mayer