Zeitzeichen

Grenzen

Archivartikel

Wer eine Grenze setzt, der ist immer schon über diese hinaus. Und dasjenige, wovon sich abgegrenzt wird, ragt entsprechend umgekehrt stets auch ins Umgrenzte hinein. So in etwa argumentierte der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel, weil er sich mit der von Immanuel Kant proklamierten klaren Trennung zwischen einer uns zugänglichen Welt der Erscheinungen und dem angeblich prinzipiell unerkennbaren „Ding an sich“ nicht einverstanden zeigte. Ob und wie sich Hegels Argument auf Ländergrenzen übertragen lässt, ist eine heikle Frage. Aber dass Abschottungspolitik à la Trump oder Orban eher in eine Sackgase führt und der heutigen Wirklichkeit nicht gerecht werde, wird ja dennoch in vernünftiger, überlegter Form als Argument vorgetragen. Falls man mit Hegel auch die Sackgasse als gleichsam variabel begreift, lässt sich freilich auch aus dieser wieder entkommen. Dann würde auch die Einbahnstraßenpolitik neue Alternativen eröffnen, was ja als tröstlich empfunden werden mag.

Grenzen und also Übergänge markierende sogenannte Grenzsteine gibt es seit langem, viele davon stehen aber längt nicht mehr für erschwerte Zugänge, sondern an Orten, wo es ganz selbstverständlich keine Unterbrechung mehr gibt. Man denke etwa an die alte Grenze zwischen Baden und Württemberg, woraus längst ein vereinigtes Bindestrich-Bundesland geworden ist.

Warum, wie in dieser Zeitung jetzt berichtet, ein historischer Grenzstein aus dem Jahr 1581 in Singen entwendet wurde, wo einst Baden an die württembergische Exklave „Bruderhof“ grenzte, darüber wundert sich die örtliche Polizei auch angesichts des hier Gesagten mit Recht. Dass das Entwenden aber ein Vergehen darstellt, über das nicht so leicht hinweggegangen werden darf, steht zumal für Behörden dennoch fest.