Zeitzeichen

Günstige Winde

Archivartikel

Wer aus dem Fenster schaut, sieht: Es ist Herbst und allmählich beginnt es, zu stürmen. Der Sommer war wahrlich sehr groß und es heißt nun – ganz nach Rilke – „in den Alleen hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter treiben“. Doch keine Angst, dem Prosafreund sei versichert: Es folgt nun keine Lyrik, allenfalls Dramatisches zum Wind. Das Hin und Her der Blätter, Windrichtung und -stärke – all dies ist für Radfahrer und Surfer, vor allem aber für Seefahrer von höchster Bedeutung. Ein gerüttelt (Vers-)Maß an Texten gibt es daher auch in antiken Dramen zum Thema Wind. Um sein Ausbleiben, sein Aufkommen, sein Wenden wird in Naturreligionen wie bei griechischen Dichtern gleichsam innig gefleht.

Einer, der bereit war, für günstige Winde den Göttern sogar seine Tochter zu opfern, war der berühmte Agamemnon, König von Mykene, der bekanntlich darauf brannte, Troja einzunehmen, weil dorthin seine schöne Schwägerin Helena vom dortigen Königssohn Paris entführt worden war. Allerdings kam das Unterfangen bereits in einem frühen Stadium ins Stocken, weil Agamemnon sehnsüchtig auf günstige Winde für seine Flotte in Aulis wartete. Es waren also Winde zum Auslaufen nach Troja erwünscht, nicht Winde, die von dort siegreich zurück nach Hause führten, die seiner Tochter Iphigenie das Leben kosteten. Dieser geografisch, meteorologisch und altphilologisch eklatante Unterschied ist einem kundigen wie aufmerksamen Leser aufgefallen. Wurde hier doch im Eifer des Gefechts in einer Theaterkritik zur Nationaltheaterinszenierung der „Orestie“des Dichters Aischylos exakt das Gegenteil behauptet. „Weh, weh, weh!“, kann man da nur entschuldigend schreiben und den Göttern für gründliche Leser danken.